Freies Feld

God Games EINS ; Halbgötter in Schweiss & die Hand Gottes

Von CÉDRIC WEIDMANN.

«Plötzlich sah ich in der Mitte des Raums einen Operationstisch, der zuerst leer war; plötzlich sah ich [den Maler] Strauch auf dem Operationstisch angeschnallt. Plötzlich hatte ich eine vor mir schwebende griffbereite Instrumentensammlung. Strauch lag unbeweglich angeschnallt auf dem Operationstisch, der sich dauernd halb rotierend bewegte. Das Fürchterliche war, dass sich der Operationstisch fortwährend bewegte; wenn ich nur an ihn ankam, bewegte er sich, und ich sah, dass ich auf diesem Operationstisch nicht würde arbeiten können. «Nein!» schrie ich. Die Ärzteschaft, die draussen stand, drohend, brach aber in Gelächter aus. Sie schrie: «Operieren Sie! Operieren Sie nur!» und lachte. In dem Gelächter der Ärzteschaft hörte ich immer wieder den Assistenten sagen: «Schneiden Sie doch! Warum warten Sie! Schneiden Sie doch! Sie müssen schneiden! Fangen Sie an! Sehen Sie nicht, dass Sie schneiden müssen? […]» Da fing ich an zu operieren; ich weiss nicht mehr, was für eine Operation es war, eine Reihe von Operationen führte ich gleichzeitig aus: eine Milz-Nieren-Lungen-Herz-Kopf-Operation; und das alles auf einem sich fortwährend bewegenden Operationstisch. Plötzlich sah ich, dass ich den Körper, in dem ich, wie ich glaubte, ganz präzise Operationen vorgenommen hatte, vollkommen zerschnitten hatte. Der Körper war überhaupt nicht mehr als Körper erkennbar.»

Dieser Traum, der Thomas Bernhards Frost entstammt, ist vor wenigen Wochen Spiel geworden. Der (Kinder-)Traum, Chirurg zu werden, ist schon länger, in so Spielen wie «Surgery Simulator», erfüllt worden.

Aber der Alptraum, Chirurg zu sein, wie er oben so beklemmend geschildert wird, gibt es erst seit 2013 als Game. Die Bossa Studios-Entwickler haben eine Simulation entwickelt, die jeder Simulation spottet — oder eben nicht?

Dieser Beitrag bildet den ersten Teil von einer Reihe Überlegungen zu God Games. In God Games ist der Spieler in der Lage, wie ein Gott auf seine Umgebung einzuwirken («A god game is an artificial life game that casts the player in the position of controlling the game on a large scale»). Doch was bedeutet das eigentlich? Was ist ein large scale und was nicht?

Um ein God Game zu sein, muss ein Spiel etwas simulieren, es muss grosse Abläufe hervorbringen, auf die eingewirkt werden kann und deren Wirkungen erkennbar sind. Wie in Surgeon Simulator! Wie richtige Chirurgen in der Ausbildung, besteht der Ersteinsatz in einer Herztransplantation. Die Hand des «Halbgotts in Weiss» muss lediglich zu einem Hammer oder einer Fräse greifen, um den Brustkorb aufzuschlagen und eine Herztransplantation vorzunehmen. Die Unfähigkeit, seinen eigenen Körper zu kontrollieren: Mal bewegen sich die falschen Finger, mal erwischt man eine Spritze und fühlt sich danach berauscht. Die Einsamkeit: Niemand hilft dir, nur der Blutdruck sinkt kontinuierlich. Der Patient macht kein Geräusch, er liegt still und aufbereitet vor dir. Der Raum: Durch den du fast nicht gehen kannst, und den du spätestens dann zu hassen beginnst, wenn dein Hammer aus der Hand fällt und langsam bis zur Nase des Patienten hochrutscht, wo du sie nicht mehr erreichen kannst. Und das Blut, die Organe, in absurder Anatomie. All das ist genau so, wie es Bernhard beschreibt.

Simulanten
Surgeon Simulator ist ein Witz: Ein Witz als Spiel. Er macht sich über die Ärzte lustig, über die Gamesteuerung und über die Ansprüche, realistische Körpersteuerung zu haben. Am meisten jedoch macht er sich über das Prinzip der Simulation lustig, die ja nie genau das darstellt, was sie ist. Ich habe über Simulationen bereits im Zusammenhang mit dem Human Brain Project nachgedacht: Sie sind unkontrollierbar, aber sind sie deshalb auch geeignete Experimente?

Gehen wir der Frage der Simulation einmal auf dem Videospielmarkt nach. Es gibt sie zuhauf: Abrissbirnen-, LKW-, Landwirtschaftssimulatoren. Für die meisten ist das lediglich ein Witz. Aber ihre grosse Anzahl beweist, dass sie gekauft werden. Wie das frühere Game Magazin GEE in einem lesenswerten Artikel herausgefunden hat, sind die meisten Spieler von Simulationen Menschen, die in den betreffenden Branchen arbeiten: Bauern spielen den Landwirtschaftssimulator. Lastwagenfahrer den LKW-Simulator. Das mag erschrecken. Es zeigt aber auch, dass die Simulation keinen Experimentcharakter hat. Zumindest hat er keine epistemische Funktion: Es gibt keine Erkenntnis zu erwerben über die Simulation. Surgeon Simulator bekräftigt dies auf vulgäre Weise: Hier wird nichts simuliert als eine Simulation und ihre veränderte Steuerung.

Maradonas Trick?

Wer bei Surgeon Simulator nicht in Lachen ausbricht, hat ein gestörtes Verhältnis zu seinem Körper und Spielen. Und die unglaubliche Schwierigkeit des Spiels erhöht nur seinen Witz. Eine Sache können wir dennoch von Surgeon Simulator lernen. Das zentrale Element des Spiels ist die Hand: Feind (weil sie sich fast nicht steuern lässt — jeder Finger muss mit einer eigenen Taste bedient werden) und Freund (denn es gibt keine andere Möglichkeit, ins Spiel einzugreifen). Und damit haben wir das, was ein God Game ausmacht, wie wir weiterhin sehen werden. Der Gott des Spiels muss einen erkennbaren Einfluss haben. Er selbst ist ausserhalb des Spiels und des Magic Circles: Wie Gott nicht erkennbar ist, erkennen weder die Bürger von Sim City, noch die Krieger von Total War den Spieler (Sims ist eine Ausnahme: Die Sims winken dem Spieler zu, wenn sie erzürnt sind). Er ist, sozusagen, auktorial und extradiegetisch. Das führt allerdings dazu, dass der Spieler nicht mehr als Funktion im Spiel ist. Um dieses Problem zu umgehen, gibt es ein Verbindungsglied, mit dem der Gott-Spieler auf das Spiel Einfluss nimmt: Die Hand. Die Gestaltung dieser Hand, in grafischer und spieltechnischer Hinsicht, wird deshalb zentral für die Betrachtung der God Games: Hat sie Finger? Ist sie ein Zeigefinger oder eine Faust? In Surgeon Simulator ist die Hand das impotente Werkzeug, die — so gut und klug der Wille des Gottes auch immer sein mögen — alles zunichte macht.

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Dieser Beitrag wurde von Cedric Weidmann geschrieben und am 17. März 2014 um 00:41 veröffentlicht. Er ist unter Theorie abgelegt und mit , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

5 Gedanken zu „God Games EINS ; Halbgötter in Schweiss & die Hand Gottes

  1. Hat dies auf Quappe und die Welt rebloggt und kommentierte:

    Mein erster Beitrag über das Phänomen „God Games“.

  2. Pingback: God Games ZWEI ; Die Visible Hand & das Us-Suffix (Populous, Redus, Godus) | Freies Feld

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