Freies Feld

Advance

Von JÁNOS MOSER.

Im Leben eines jeden Game-Redaktors gibt es Einflüsse und kostbare Erinnerungsstücke, die einen nach Jahren immer noch aufseufzen lassen. Reviews, auf die man sich nach all der Zeit immer noch gerne besinnt, sei es als Inspirationsquelle oder Kuriosum. Man mag sie im Gewirr des digitalen Dschungels gefunden haben, oder aber – und darum soll es heute gehen – in einem Printmagazin. Advance, „das ultimative Magazin für alle GBA-Besitzer“, war ein Heft, das sich im Gegensatz zur Konkurrenz anfangs der 2000er exklusiv mit Nintendos mobiler Konsole beschäftigte. Dem Blatt war nie ein sonderlicher Erfolg beschieden; die wirklich grossen Titel erschienen damals immer noch auf Heimkonsolen. Nach insgesamt fünf Ausgaben – die letzte erschien Anfang 2003 – war Schluss, und bis heute warte ich auf die sechste.

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Einkaufsführer

Was machte das Heft so gut? Nun, einerseits diente es einem Jungen mit mickrigem Monatslohn als perfekter Einkaufsführer. Andererseits konnten sich Umfang und Inhalt wirklich blicken lassen. Das grösste Gewicht wurde dem Testteil zugemessen. In der Ausgabe 4/2002 fanden beispielsweise nicht weniger als 57 Reviews ihren Platz. Die grossen Titel wie Breath of Fire 2, Turok und V-Rally 3 bekamen eine Doppelseite spendiert, kleinere Titel eine bis eine halbe. Für Importtitel gab es gar eine eigene Rubrik auf vier Seiten, wo in Stichworten 12 Spiele mit je eigenem Wertungskasten unterkamen. Nach einer GBC-Doppelseite (Top 40 der Redaktion) und den Leserbriefen findet man die meist sehr ausführlichen Komplettlösungen. Die umfangreichste davon dürfte diejenige zu Breath of Fire 2 sein: Auf stolzen 18 Seiten erfährt man alles über die Schamanenmagie, Sidequests und die Fundorte der Drachenzauber. Das Schlusslicht des Heftes bilden Tipps & Tricks und der sogenannte „GBA-Index“: Eine komplette Liste aller bisher vom Magazin getesteten Spiele mit der zugehörigen Wertung und einem Mini-Fazit. Während der Index in der Advance Nummer 4 bereits auf über 200 Titel angewachsen war, waren es in der letzten Ausgabe mehr als 250. Beispiele: „Scooby-Doo und die Cyber-Jagd: Eindeutig zu kurz geraten“; „Spider-Man: Spidy war schon besser.“; „Tennis Davis Cup: Interessanter Ansatz, dennoch versiebt.“; Top Gear GT: Zucker im Tank und Sand im Getriebe.“; „Wacky Stackers: Hier wird das Hirn richtig gefordert“; „V-Rally 3: Ein klasse Spiel mit einzigartiger Grafik.“ Neben diesen gewürzten Urteilen gab es immer mal wieder nützliche Specials, so etwa eine Anleitung für das eigenhändige Einbauen eines GBA-Afterburners (der Original-GBA besass noch jenen berüchtigten unbeleuchteten Dunkelschirm). Die News sind aus heutiger Sicht eine Aufreihung von nostalgischen Schlaglichtern auf die Videospielwelt: „Phönix aus der Asche: Square kehrt zurück“, „Edel edel … der Gameboy im Platin-Look“, „Bye-bye, Donkey! Rare sorgt für lange Gesichter.“, „Game Boy-Killer? Handheld-Konkurrenz von Ericsson und Nokia.“ (Gemeint ist der sang- und klanglos untergegangene N-Gage). Darunter gibt es auch herrlich Abgedrehtes: „Spielkarten, Kartenspiele. NES-Klassiker für den E-Card Reader.“, „Passwörter goodbye. Memory Cards für den GBA.“

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Zubehör

Im Zubehör-Teil der Nummer 5 wurden unter anderem ein „TV Tuner“ vorgestellt, mit dem sich ARD und ZDF auf dem Gameboy empfangen lassen sollten, und das sogenannte „Virtureal Racing System“, eine, wie es heisst, „Gemeinschaftsproduktion von Nintendo und Carrera.“ Die Idee: „Zusammen mit dem GBA-Rennspiel Carrera Power Slide ersetzen ein oder zwei GBAs die Controller der Carrera-Bahn.“ Die „Playable Protective Case“ ist eine wasserdichte Hardbox für den Gameboy, die Unterwasser-Spielen ermöglicht. Der Kommentar im Heft: „Mangels redaktionsinternem Swimmingpool konnten wir die Box leider nicht unter Wasser testen und bei der Kälte wollte damit auch keiner in die Ruhr springen.“ Fragwürdig erscheint das Fazit zum GBA-Beleuchtungsset, das die Spielkonsole wie einen klobigen, hässlichen Roboter aussehen lässt: „Mit so einem Monstrum ist man auf jeden Fall der Star in jedem Schulbus!“
Ansonsten waren die Herangehensweise und die Urteile der Redaktionsmitglieder durchaus von gewissem Wert. Statt in unnötigen Kästen und mit Riesenbildern uninteressante Gameplay-Elemente durchzukauen, beschränkte man sich in den soliden, wenn auch teilweise etwas flapsig geschriebenen Reviews auf das Wesentliche. Um – wie in der Nummer fünf – über siebzig Tests unterzubringen, war eine geschickte Ökonomie von Nöten. Wie bei den Import-Tests zu beobachten, reichten meist wenige Stichworte, um GBA-Spielern in Geldnöten die Entscheidung zu erleichtern. Die Rubriken waren klar gegliedert und einfach zu durchschauen, und vor allem die Lösungen waren Gold wert.

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Online-Magazine

Heute, da sich der Fokus auf Online-Magazine verlegt hat, ist es für Print immer schwieriger geworden, mit dem Internet zu konkurrieren. Statt auf Masse an Tests, die man auch in jedem zweiten Portal findet, setzt man vermehrt auf Entwicklerinterviews und Erläuterung von Hintergründen aus der Videospielszene. Vergleichsweise magerer Content wird so aufgebläht und das wohl oder übel auf Kosten wirklich nützlicher Rubriken wie den Komplettlösungen. Dennoch möchte man die Heft-DVD in einer Play3 natürlich nicht missen und auch ein Talk mit Nobuo Uematsu kann ganz nett sein. Aus heutiger Sicht mag die Advance sowas wie eine Art Schülerzeitungs-Charme ausstrahlen. Im Editorial von Nummer 4 wird ein Redaktionsmitglied verabschiedet, das Japanologie studieren geht, und die Leserbriefe beantwortet ein netter Onkel Tom. Da hätte man sich doch vorstellen können, mitzuschreiben.

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Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 17. Januar 2014 um 14:46 veröffentlicht. Er ist unter Porträts abgelegt und mit , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

Ein Gedanke zu „Advance

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