Freies Feld

Hermann Bahr

Von JANOS MOSER.

Hermann Bahr (1863 – 1934), der „Prophet der Moderne“. Was hat dieser Mensch mit FreiesFeld zu schaffen? Vermeintlich nicht viel, zumal um 1900 weder Videospiele noch das Internet existierten. Sein berühmtester Text, „Die Moderne“, gilt z.B. als Wegbereiter des Expressionismus, Symbolismus und was da sonst noch an Strömungen folgen sollte. Das ist heute auch alles Schnee von Gestern. Mit ein bisschen gutem Willen lässt sich der Wirkungskreis Bahrs jedoch auch auf unser Videospielzeitalter ausweiten.
Besonders interessant ist eine Passage aus „Die Überwindung des Naturalismus“ (1891):

„Der neue Idealismus ist von dem alten zweifach verschieden: sein
Mittel ist das Wirkliche, sein Zweck ist der Befehl der Nerven. Der alte Idealismus ist richtiges Rokoko. Ja, er drückt Naturen aus. Aber Naturen sind damals Vernunft, Gefühl und Schnörkel: Siehe Wilhelm Meister. Der romantische Idealismus wirft die Vernunft hinaus, hängt das Gefühl an die Steigbügel der durchgehen- den Sinne und galoppiert gegen die Schnörkel: er ist überall gotisch maskiert. Aber weder der alte noch der romantische Idealismus denken daran, sich erst aus sich heraus ins Wirkliche zu übersetzen: sie fühlen sich ohne das, in der nackten Innerlichkeit, lebendig genug.
Der neue Idealismus drückt die neuen Menschen aus. Sie sind Nerven; das andere ist abgestorben, welk und dürr. Sie erleben nur mehr mit den Nerven, sie reagieren nur mehr von den Nerven aus. Auf den Nerven geschehen ihre Ereignisse und ihre Wirkungen kommen von den Nerven.“

Dieser von Bahr an anderer Stelle auch als „nervöse Romantik“ oder „Mystik der Nerven“ bezeichnete Idealismus hat seine Wurzeln in der Zeit der Textentstehung bereits geschlagen – etwa in der frühen Science-Fiction-Literatur eines Lasswitz oder Verne. Idealisiert wurde nicht mehr die Natur, sondern das Technische, die Maschine, die Geschwindigkeit – eben das Nervöse einerseits und die materielle, auf Nervenbahnen und Reize fixierte Naturwissenschaft andererseits. Romantik war Eisenbahn, das Märchen die Reise zum Mond.
Und heute?
Heute scheinen sich die Thesen Bahrs umso stärker verwirklicht zu haben. Spiele wie Final Fantasy, Dragon Quest, Skyrim, die Musik von Nobuo Uematsu – das alles steckt voller romantischer Motive, die nicht neben der Technik existieren, sondern eben gerade durch sie verwirklicht werden, und das so geschickt, dass man die technischen Limits kaum mehr wahrnimmt. Was die Literatur nach Bahr leisten sollte, ist heute darum vielleicht den Games zugefallen. Texte konnten zwar das Technische idealisieren – aber sie konnten nie selbst diese Technik sein. Hinter jeder Videospiel-Quest aber steckt Technik: Programmiercode, Aktion-Reaktion, Statistik. Sie ist nicht sichtbar, und trotzdem ist sie da. Das, was wir beim Breath of Fire-spielen auf dem Bildschirm sehen, ist sozusagen die Illusion, der romantische Schein, der Programmiercode ist das technische Sein; und beim Knöpfchendrücken reagieren unsere Nervenenden. Die Technik ist zum Vehikel für die heissesten, sehnsüchtigsten Projektionen geworden, in denen Welten noch ganz, der Mensch noch zufrieden und der König noch gerecht gewesen ist. In diesem Sinn sind Videospiele und Literatur vielleicht gar nicht so unähnlich – zöge man eine medienüberschreitende Entwicklungslinie der Moderne von Bahr bis in die heutige Zeit, würde sie, so meine ich, bei WoW enden.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 26. August 2013 um 16:35 veröffentlicht. Er ist unter Die Bibliothek abgelegt und mit , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

Ein Gedanke zu „Hermann Bahr

  1. Pingback: Sonic Generations | Freies Feld

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: