Freies Feld

Red Dead Redemption

Von JÁNOS MOSER.

Tödlich getroffen sinkt er in den Staub. Nach langen Jahren harter Kämpfe, nach vielen Entbehrungen und Nöten, nach zahlreichen Triumphen scheint die rötliche Abendsonne das letzte Mal auf sein altes, vernarbtes Gesicht. Die Glocke schlägt, er fällt vornüber. Sein Mantel ist starr vor Schmutz, der Hut ist ihm von der Stirn gerutscht und wird von Pferdehufen zertrampelt. Keuchend und pfeifend gehen seine Atemzüge. Über ihm ragt ein Schatten empor. Er hört das Klicken eines Revolvers. Ein Knall – und er ist tot. So erging es ihm: dem Genre des Westerns in den letzten paar Jahrzehnten. Verschwunden sind die grossen Cowboyfilme, die Groschenromane mit den Jack’o’Terraces und John McNeils in den Hauptrollen, die Hintergrundmusik mit Maultrommeln und Pfeifkonzerten, die Geschichten um einsame Rächer und Saloonschlägereien. Was dem Buchmarkt der Science-Fiction schon lange mit erhobenem Zeigefinger prophezeit wird, ist für den Western in Literatur und Film schon längst Realität geworden. Wir sind der Figur des Lone Wolfs überdrüssig. Soll sich Dirty Harry nochmals in den Poncho werfen? Nein, bitte nicht. Zu einer Zeit, in der ein grottiges Wild Wild West oder Bandidas in uns höchstens noch unangenehme Nachkrämpfe auslöst, beschliesst Rockstar Games mit Red Dead Redemption das Unmögliche. John Marston, seines Zeichens gestrauchelter Revolverheld, soll im Jahr 2010 den Western wieder dorthin bringen, wohin er gehört: In die Welt – oder in die heimischen Wohnzimmer. Und, man siehe und staune, es gelingt ihm.

Der Aussteiger

Mit Red Dead Redemption bekommen wir eine typische Aussteiger-Geschichte serviert. Marston ist nicht nur ein Naturtalent im Umgang mit Pferden, Outlaws und Waffen, sondern auch ehemaliges Bandenmitglied, das sich mit Frau und Kind als Farmer verdingen wollte. Zum Zeitpunkt des Handlungsbeginns ist diese Ruhe schon zerstört; seine Familie wurde von Regierungsbeamten in Verwahrsam genommen und er ist gezwungen, im Auftrag von dickbäuchigen Anzugträgern seine ehemaligen „Kameraden“ aufzuspüren und zu töten. Seine erste Spur führt ihn in den fiktiven Staat New Austin an der mexikanischen Grenze. Genauer gesagt vor Fort Mercer, wo er einen der führenden Köpfe der Bande namens Williamson zu finden glaubt. Netterweise wird er mit ein paar Kugeln begrüsst. Zum Glück rettet ihn die Farmerin Bonnie McFarlane und er trommelt ein paar Leute für einen neuen Eroberungsversuch zusammen. Als es ihm gelingt, Fort Mercer schliesslich zu stürmen, ist Williamson jedoch bereits nach Mexiko geflüchtet. Halb so schlimm: Das gibt dem Spieler die Möglichkeit, auch die andere Seite des Grenzflusses zu erforschen und in die Wirren eines mexikanischen Bürgerkrieges verwickelt zu werden, wo er weitere Köpfe der Bande trifft – und so weiter und so fort. Während die Geschichte recht gemächlich beginnt, legt sie später einen Zacken zu und ist durchaus nicht enttäuschend. Und das ist nur die eine Hälfte von Red Dead Redemption. Die andere Hälfte, und der eigentliche Aufhänger des Spiels, ist das erwähnte Western-Setting. So lebendig, scheint es, ist das frühe zwanzigste Jahrhundert noch nie vor unsere Augen getreten. Im Jahr 1911 sind weite Teile des Landes mit der Eisenbahn erschlossen und eines der ersten Ford-Modelle tuckert durch die Strassen der grösseren Städte. Wir treffen erste Kino-Pioniere, Fotografen, Kapitalisten gesellschaftliche Probleme. Und zugleich ist da diese unendliche Weite der Prärie, das wilde Getier in den Nadelwäldern, Five Finger Filet oder Blackjack. Ob Pferdefänger, Kopfgeldjäger oder Eskortservice für Kutschen, Marston macht in jedem der Jobs, der der Wilde Westen so bietet, eine gute Figur. In bester Open-Wold-Manier ist es dem Spieler freigestellt, in welcher Reihenfolge er die Haupt- und Nebenaufgaben (Missionen) lösen will, um allmählich im Spiel voranzukommen. Oder einfach mal für eine Stunde ausreiten und wilde Tiere in den Wäldern jagen? Durch die Ebene streifen auf der Suche nach Kräutern? Zeitung lesen? Kein Problem. Diese „Offene Welt“ ist unglaublich offen und einladend. Des Öfteren erschauern wir vor beeindruckenden geologischen Formen oder der fantastischen Weitsicht.

Tagelöhner

Rockstar Games wäre nicht Rockstar Games, wenn Red Dead Redemption nicht ein bisschen an GTA erinnern würde. Frei begehbare Welt, Missionen, Hauptstory und Nebenhandlungen … haben wir es mit einem schlichten GTA im Western-Stil zu tun? Ganz so vorschnell ist das Ganze nicht abzutun. Zwar ist richtig, dass viele Elemente an die berühmte Spielereihe gemahnen, zum Beispiel die markierbare Karte, die Handhabung und das Fadenkreuz der Waffen oder das Verhalten der Menschen in den Städten (die man übrigens nach Lust und Laune niederschiessen kann). Es gibt aber genügend distinktive Mittel, die das Spiel von der Reihe abheben. Zum einen hängen die direkt mit dem Setting zusammen – Pferde steuern sich nun mal anders als Autos, Gesetzeshüter kommen nicht mit Helikoptern angeflogen, der Grossteil der Karte machen nicht Städte, sondern Wälder und die Ebene aus, und Missionen wie „Hut vom Himmel schiessen“ wird man in GTA auch schwerlich antreffen – oder mit zusätzlichen Features wie dem Dead Eye – einer praktischen Bullet-Time-Funktion. Für ungeübte oder ungeduldige Spieler existiert das halbautomatische Zielen oder eine Schnellreisemöglichkeit. Eine der unterhaltsamsten Dinge im Spiel ist ausserdem der Erwerb von Ruhm und Ehre. Wie in einem Rollenspiel erwirbt Marston durch gute Taten Ansehen oder verliert es, worauf die NPCs entsprechend reagieren. Auf die Cutscenes hingegen hat das keine grosse Auswirkungen. Wie für Rockstar Games üblich, ist Marston „lebensnaher“ als so manch anderer Videospielheld und trotzdem eine ziemlich coole Sau. Mit dem Gefallenen kann man sich eben irgendwie immer identifizieren. Nur schade, dass er zu manchen Zeitpunkten ein bisschen wie ein Tagelöhner wirkt – er macht noch so jeden beschissenen Job für jede noch so kleine Gefälligkeit, und seine Geduld ist schier übermenschlich. Das zieht ein weiteres Problem nach sich, das meiner Meinung nach der grösste Kritikpunkt des Spiels ist: Ab einem bestimmten Zeitpunkt beginnt es langatmig zu werden. Ich würde sogar sagen, dass Rockstar Games die letzten paar Missionen hätte streichen können, ohne viel von der Wirkung zu verlieren. Der Song, der eingespielt wird, nachdem man Dutch (den letzten Bandenführer) erledigt hat, würde ohnehin als DAS perfekte Abschlusslied dienen.

Bären

Die Musik ist übrigens neben der grafischen Präsentation eine weitere grosse Stärke des Spiels. Wie bereits angedeutet, werden an manchen Stellen im Spiel richtige Songwriter zu hören sein, die so einiges draufhaben. Ansonsten wird den Ohren das geboten, was man von einem Western erwartet. Schnarrende Gitarrenklänge, Gepfeife oder manchmal auch einfach nur Tiergeräusche. Apropos Tiere: Hütet euch vor den Pumas! Das sind die gefährlichsten Bestien überhaupt. Neben den Bären! Diese verdammten Bären. Die Sprecher machen ihre Arbeit wie gewohnt gut und es gibt praktisch keinen, der unten durch fällt. Dafür hat man wieder auf eine deutsche Synchronisation verzichtet. Ist wohl leider Standard bei den GTA-Machern. Fluch oder Segen? Das muss der Spieler selber entscheiden. Ich entscheide mich nach einigem Überlegen für: Segen. Was nicht so schwer ins Gewicht fällt, da es nicht oft vorkam, aber trotzdem erwähnt werden muss, sind die paar Abstürze und kleine Einbuße in der Framerate. Das tut der Grossartigkeit des Spiels jedoch keinen Abbruch. Zwar erfüllt RDR alle gängigen Westernklischees, aber versponnene Phantasten sind wohl auch nicht das Zielpublikum. Für Nostalgiker lohnt sich der Blick auf RDR allemal – es ist das wohl bislang beste Westerngame.

Auferstehung

R.I.P. steht auf dem verwitterten Grabstein. Wie viele Jahre liegt er nun schon so da? Er weiss es nicht. Und warum ist er überhaupt in der Lage, darüber nachzudenken, wo er doch tief unter der Erde liegt? Hm. Etwas stimmt da nicht. Uuuuh. Er kann sich ja bewegen! Uuuuh. Er stösst den Sargdeckel weg. Seine Hand fährt aus der weichen Erde. Sie ist wurmzerfressen und unappetitlich. Na ja. Das stört ihn nicht. Alles, was ihn interessiert, ist Menschenfleisch. Er kämpft sich hoch und steht auf. Wankend macht er die ersten Schritte. Verdammt, warum ist er nur so scheisslangsam? So kommt er nie an Frischfleisch. Uuuuuuuuh!
Wer von Marston nicht genug kriegt: Neben dem Hauptspiel erschien das eigenständige Add-On Undead Nightmare.

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Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 22. November 2012 um 16:59 veröffentlicht. Er ist unter Reviews abgelegt und mit , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

3 Gedanken zu „Red Dead Redemption

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