Freies Feld

Das Spiel mit den Realitäten – Lems „Der futurologische Kongress“

Von JÁNOS MOSER.

Zu den Ewiggestrigen darf sich zählen, wer anno 2012 noch Science-Fiction liest statt sie digital am Bildschirm zu konsumieren. Und wirklich; das Schwadronieren über modernste Technologien zwischen zwei altbackenen Buchdeckeln erscheint als ein Anachronismus in sich selbst, ein Paradox im Fluss des gegenwärtigen Zeitalters, in der wir von Smartphones überhäuft werden wie Affen von – wovon werden Affen eigentlich so überhäuft? Egal. Fakt ist, dass wir meinen, mit Matrix sei schon alles über Videospiele gesagt, mit Gattaca und Minority Report die wichtigsten Zukunftsvisionen ausgeschöpft. Wir, alle, was ist das alles. Sollte diese Vorrede unversehens wieder in die alte Buhu-früher-war-alles-besser-Schiene fallen? Und das auf FreiesFeld? Schande. Deshalb kurz, klar und versöhnlich: Hier soll für einmal kein Videospiel der Star sein, sondern ein Buch: Der futurologische Kongress von Stanislaw Lem. Es ist, wie ich meine, eines der Bücher für unser virtuelles Ich.

Bemben

Seine goldene Zeit hatte Lem (1921 – 2006) in den Sechzigern und Siebzigern. Werke wie Solaris oder Die Sterntagebücher erreichten nachhaltige Popularität. Bald wurde er zu den wichtigsten SF-Autoren seiner Zeit gezählt, als nachdenkliches, philosophisches Gegenstück zu Isaac Asimov, Ray Bradbury, William Gibson, Frank Herbert oder Arthur C. Clarke. 1971 erschien das relativ dünne Büchlein Kongres futurologiczny, zu Deutsch Der futurologische Kongress. Der wissenschaftlich-nüchterne Titel täuscht. Das Buch zählt zum satirischen Schaffen Lems – und zu seinen besten Werken. Worum geht´s? Held der Geschichte ist Ijon Tichy, Raumfahrer und der Protagonist aus den Sterntagebüchern. Von Professor Tarantoga ausgeschickt, nimmt er am titelgebenden Kongress im Bananenstaat Costricana teil, wo es um das Thema der drohenden Überbevölkerung geht. Während des Kongresses im so skurrilen wie befremdlichen „Hilton“-Hotel kommt es zu einem Bemben-Angriff der Regierung gegen die Rebellen. Be-was? Eine Bembe bezeichnet laut Autor (oder Übersetzer) eine „Bombe menschlicher Brüderlichkeit“. Und es kommt noch dicker: Ins Trinkwasser sind sogenannte Benignatoren gemischt worden, „Begütigungsmittel“ die in Ijon Tichy einen „Anfall von Güte und alles umfassender Zuneigung“ auslösen. Als die Kämpfe das Hotel in Schutt und Asche zu legen drohen, flüchten Tichy und seine Professorenkollegen (darunter Prof. Trottelreiner) mit Gasmasken in die Kanalisation unter dem Hotel. Unten haben sich schon ein paar reiche Hotelgäste auf bequemen Fauteuils verschanzt und es kommt zu Unruhe und Gedränge. Tichy nimmt die Gasmaske ab. Was folgt, ist eine Reihe von grotesken Halluzinationen, ausgelöst durch die chemischen Substanzen in der Luft. Der Leser wird von einer Wahnvorstellung in die nächste getrieben und verliert langsam wie der Protagonist des Buches den Bezug zur Realität. Lem belässt es nicht dabei: Um noch einen obendrauf zu setzen, wird Tichy von ihm in einer nebulösen Szene in ein künstliches Koma versetzt und wacht in einer fernen Zukunft wieder auf. Tagebucheinträge berichten von seinem Werdegang und münden in Szenen, die in ihrem Fiasko Gogols „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ gleichkommen. In der Zukunftswelt ist eingetreten, wovon im Kongress im „Hilton“ die Rede war: Das Bevölkerungswachstum ist exponentiell in die Höhe geschossen. Nur seltsam, dass alles ziemlich friedfertig aussieht.

Psychemie

Der Grund dafür ist der Eintritt ins Zeitalter der Psychemie: Zum menschlichen Alltag gehören Psychemikalien, die für jeden erdenklichen Zweck eingenommen werden, zum Beispiel für die Fast-Food-Speicherung von Wissen oder das Erlangen gewisser Fertigkeiten und Stimmungen. Nach einer Weile trifft Tichy Prof. Trottelreiner wieder, der sich in der Zukunft mühelos eingelebt zu haben scheint. Der Professor erzählt ihm von den Maskonen, Substanzen, die dazu dienen, jeden beliebigen Gegenstand künstlich vorzutäuschen. Als er ihm ein Gegenmittel vor die Nase hält, löst sich die Scheinwelt schlagartig auf und die Realität kommt zum Vorschein. Diese gestaltet sich alles andere als einladend. Wo Fenster waren, sind keine mehr, Schönes wird hässlich, Glieder zu ärmlichen Prothesen. Die Zwiebelschichten des Scheins fallen nach und nach ab und enthüllen auf wunderbar surreale Weise die Seinswelt. Im Gegensatz zu einem Bernhard Marx aus Brave New World oder Neo aus Matrix hat Ijon in diesem Moment jedoch nichts eines deprimierten Ausgestossenen oder Weltenretters. Die „Enthüllung“ einer Virtualität war noch nie so frei vom moralischen Zeigefinger und zugleich so prägnant wie im futurologischen Kongress. Der Kongress bildet im Übrigen den Abschluss der Rahmenhandlung – am Schluss des Buches wacht Ijon erneut in der Kanalisation bei den Ratten auf.

Parabel

Wie am Anfang angetönt, lässt sich der futurologische Kongress als Parabel auf unsere Digitalität lesen. Anders als bei Gibsons Neuromancer (das Buch gilt gemeinhin als Anstoss für das World Wide Web) verzichtet Lem auf übertriebenes wissenschaftliches Vokabular oder auf die Spitze getriebene Sozialkritik. Vorhanden ist sie, keine Frage; nur wird sie zum Glück von fantastischen Wortspielereien aufgelockert. Was Lem wirklich unnachahmlich zeigt – und das ist der Grund, weshalb man sich das Buch nicht entgehen lassen sollte – ist das Träumerische und zugleich das Gefühl des Traumerwachens, das unsere virtuellen Welten bieten.

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Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 26. November 2012 um 12:51 veröffentlicht. Er ist unter Links und Tipps abgelegt und mit , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

2 Gedanken zu „Das Spiel mit den Realitäten – Lems „Der futurologische Kongress“

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