Freies Feld

Sense of Wonder

Von JÁNOS MOSER.

Luke Skywalker kommt aus einer ärmlichen Sandhütte gelaufen. Seine Arme schlenkern wie die eines kleinen Jungen umher, federnden Schrittes überquert er den Vorplatz und ersteigt eine Anhöhe. Die zwei Sonnen stehen niedrig über dem Horizont des kargen Wüstenplaneten. Sein Gesicht hebt sich zum Himmel. In seinen Augen spiegelt sich der Sonnenglanz, seine Hoffnungen und Träume, während die Musik zu einem sehnsüchtigen Höhepunkt anschwillt. Mittlerweile als „Binary Sunset“ bekannt, hat sich die Szene weit über Youtube und co. verbreitet. John Williams beste 37 Sekunden, wie manche sagen. Doch was macht diesen Bruchteil einer Minute so unvergesslich? Ist es der Hauch des Unendlichen, Galaktischen, der uns umweht? Der Traum eines unerfahrenen Jungen, den es in die Welt hinauszieht? Oder die Ahnung eines grossen Schicksals?

Sense of Wonder

Nun, Wir wollen, etwas bescheidener, erst einmal mit der Literatur anfangen. Ginge es nach Germanisten und anderen Schwerenötern, – darunter leider auch ich – wurzelt eine Saga wie Star Wars in Geschichten, die, sagen wir mal, so um den Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auf Papier gedruckt wurden. In den 1920ern erfand Hugo Gernsback den Begriff „Scientifiction“, um die in der Erstausgabe des Pulphefts Amazing Stories (1926) versammelten Geschichten zu beschreiben. „The Jules Verne, H. G. Wells, and Edgar Allan Poe type of story – a charming romance intermingled with scientific fact and prophetic vision.“ Schwammig, aber irgendwie kann man sich darunter etwas vorstellen. Dachten auch andere und schrieben eifrig drauflos. Autoren wie E. E. Smith und Edmond Hamilton schufen alsbald das, was wir heute unter dem Begriff „Space Opera“ kennen: rührselige Abenteuer mit grossen Raumschiffen, explodierenden Planeten und naiven Helden. Viel mit “Science” hatte das nichts mehr zu tun. Aber bis heute haftet der SF der Geschmack dieser trivial-unbeschwerten imperialistischen Spielereien an; unter anderem wegen Star Wars, welches sich aller gängigen Klischees bediente. Nichtsdestotrotz liegt das Erfolgsgeheimnis der Filme – abgesehen von der Regiearbeit – auch, wie ich meine, in jenem interessanten Konzept begründet, welches Sam Moskowitz den „Sense of Wonder“ nannte. Gemeint ist eine Überwältigung der Sinne, die sich beim Gedanken an die Unendlichkeit des Alls, der Zeit, oder einer noch nie dagewesenen Technik einstellt, eine Art Bewusstseinserweiterung. Nach Wikipedia: „a feeling of awakening or awe triggered by an expansion of one’s awareness of what is possible or by confrontation with the vastness of space and time, as brought on by reading science fiction.” By reading science fiction? Klar, dass so etwas in akademischen Kreisen bislang wenig Fuss gefasst hat. Und doch sind gewisse Parallelen zu philosophisch-historischen Ideen zu ziehen, allem voran, wenn es um das sog. „Erhabene“ geht. Nach Schiller besteht das Erhabene „einerseits aus dem Gefühl unserer Ohnmacht und Begrenzung, einen Gegenstand zu umfassen, anderseits aus dem Gefühle unserer Übermacht, welche vor keinen Grenzen erschrickt und dasjenige sich geistig unterwirft, dem unsere sinnlichen Kräfte unterliegen.“ Und Kant trompetet einher, das Erhabene vom Schönen unterscheidend: „Schön ist das, was in bloßer Beurteilung (also nicht vermittelst der Empfindung des Sinnes nach einem Begriffe des Verstandes) gefällt. Hieraus folgt von selbst, dass es ohne alles Interesse gefallen müsse. Erhaben ist das, was durch seinen Widerstand gegen das Interesse der Sinne unmittelbar gefällt.“ Soll heissen: der Anblick der zwei Sonnen Tatooines allein ist nicht erhaben; wohl aber ist es Luke Skywalkers Gefühl, das, was wir zu sehen glauben, wenn die Kamera auf seinem Gesicht verweilt. Entscheidend für das Erhabene ist nach Kant eine Überhebung über die Sinnlichkeit. Es ist „über alle Vergleichung gross“; da wir es nicht zu erfassen mögen, weckt es das Gefühl eines „übersinnlichen Vermögens“ in uns. Es ist Luke nicht möglich, die „vasteness of space und time“ zu erfassen – weshalb er es mit einem „feeling of awakening“ zu tun bekommt, einem Erwachen des Übersinnlichen also, das sich auf den Zuschauer überträgt. Was könnte somit das Erhabene besser beschreiben, als eben jene Sekunden aus Star Wars Episode IV?

Das Erfassbare Unfassbare

Klar ist, dass sich die Pulp-Gemeinde subsequent jenem diffusen „Sense of Wonder“ bedient hat, um gegebenenfalls sprachliche Schwächen und Logiklöcher zu kaschieren. Angesprochen wird die emotionale Seite; das Sich-berühren-lassen, das Wundervolle des Abenteuers, wie wir es seit Haggards „adventure fiction“ in Afrika, John Carters Ausflügen zum Mars oder Verne kennen. Spätestens ab Conan Doyles „Lost World“ hatte sich auch eine mehr oder weniger benennbare Zielgruppe solcher Werke entwickelt, wie die Widmung beweist: „[…]To the boy who’s half a man, or the man who’s half a boy.“ Logisch, dass da Vorbehalte aufkommen. Leser von politisch-gesellschaftlich relevanter Kost ziehen damit immer wieder gerne ins Feld: was wird da schon gesagt, was hat das zu bedeuten? Diese verkriechen sich jedoch spätestens hoffentlich dann wieder in ihre Löcher, wenn wir ihnen die grossen Meister der phantastischen Literatur entgegenhalten. Die phantastische Literatur hat nämlich meiner Ansicht nach einen grossen Vorteil, und das ist das Erhabene. Wohlverstanden braucht es keinen Flug durch das All, es genügte auch ein Blick auf das Meer; dennoch erscheint mir Lems Ozean irgendwie erhabener, Tolkiens Elfenwald ebenso. Weshalb?
Schiller begründete das Erhabenen in der Ohnmacht und Begrenzung, einen Gegenstand zu erfassen. Nun gut: Tatooines Doppelsonne ist schon mal ungewöhnlich. So auch der ominöse Doppelgänger aus Hoffmanns Elixiere des Teufels. Aber weshalb erschrecken oder erstaunen wir angesichts dieser Dinge? Die Sachverhalte lassen sich doch „erfassen“: da sind statt einer Sonne zwei, da sind mehrere Medardi (Mehrzahl von Medardus!) usw. Die Antwort liegt wohl im Übersinnlichen begründet; oder vielmehr – und das will ich einfach mal so behaupten – im Glauben daran. Damit ist keine Parapsychologie gemeint, sondern ganz einfach, dass uns ein Glaube dazu verleitet, eine Doppelsonne in ein neues, geschlossenes System zu fantasieren, sprich in eine neue Welt, in die wir wie durch ein Fenster Einblick haben. Wir halten, wenn man so will, das Erfassbare mutwillig für Unerfassbar und gelangen so ganz leicht zur Überzeugung, den Mächten des Sublimen zu begegnen. Kein wahrnehmbarer Buchstabe, kein Bild für sich allein geht über die Wahrnehmung hinaus; aber das Fenster ist so geschickt eingesetzt, dass wir einen anderen Blick für die Wirklichkeit bekommen. So manch einer zieht die Rolläden hinunter; der begeisterte Leser phantastischer Literatur ist aber gezwungen, durch dieses Fenster zu blicken wie in die Augen eines Hypnotiseurs. Er muss an die Unfassbarkeit des eigentlich Fassbaren glauben. Anders würde es nicht funktionieren; das Fenster würde sich schliessen, die Sicht eindunkeln. Phantastische Literatur ist deshalb immer auch eine Literatur des Glaubens. Und beinhaltet Kants Definition des Erhabenen denn nicht auch ebenjene „übersinnliche“, man könnte sagen transzendente Dimension? Man merkt schnell: das eine wie das andere, der „Glaube“ und das „Erhabene“ gehen Hand in Hand. Der Leser phantastischer Literatur vollführt im gewissen Sinn eine mathematische Operation. Er zieht eine fassbare Teilmenge von der Realität ab und schiebt sie in den Bereich der irrationalen Zahlen. Je besser ihm das gelingt, desto weiter öffnet sich ihm das Fenster.

Technik

Nun, sind Phantasmen dann immer irgendwelche Ich-Vorgänge? Ist also phantastische Literatur und das Erhabene in ihr nie so wundervoll an sich, sondern wird von uns dazu gemacht? Es scheint so. Und eigentlich schade – darauf hätte ja auch ein dämlicher Klingone kommen können. Jedenfalls: Gerade die Science-Fiction spielt oft mit einer ganz bestimmten Spielart des Glaubens: dem an die Technik. Ja, irgendwo da draussen mag es andere Zivilisationen, bewohnte Planeten, neue Arten des Reisens durch Raum und Zeit geben; unsere Sinne sind (noch) nicht in der Lage, all dies zu erfassen – aber mithilfe der Technik erschlössen sich ungeahnte Räume … nun, man ahnt, worauf es hinausläuft. Wie Hermann Bahr wohl sagen würde, musste der Geist einer neuen Romantik durch das zwanzigste Jahrhundert wehen (wie er auch durch das einundzwanzigste weht.) Ob er damit an Luke Skywalker dachte, ist fraglich. Dennoch glaube ich – und so manch ein anderer Phantast – an eine Verbindung. Dabei begegnen wir dem Erhabenen heute natürlich nicht nur in der SF bzw. in der Literatur; auch andere Beispiele gibt es zuhauf. Man denke an bestimmte Ortschaften in den Final Fantasy-Games, oder Momente in Terranigma.

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 18. Juli 2014 auf Yoshi’s Blog (existiertleiderschon.wordpress.com)

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Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 17. Dezember 2014 um 19:48 veröffentlicht. Er ist unter Gedanken abgelegt und mit , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

2 Gedanken zu „Sense of Wonder

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