Freies Feld

Heavy Metal

Von JÁNOS MOSER.

„Eine tricktechnisch bemerkenswerte Ansammlung stilistisch unterschiedlicher Geschichten, die inhaltlich nur in wenigen Momenten ansprechend ist, da unreflektiert reaktionäre Verhaltensmuster, Rollenklischees und Gewalttätigkeiten vermittelt werden.“

So lautet das Urteil des Internationalen Lexikons des Films für Heavy Metal, das Zeichentrick-Machwerk von 1981, das Wikipedia zufolge hierzulande den Boden für die japanischen Animes bereitet haben soll. Und wird damit dem Film gerecht. Denn etwas anders als Gemetzel, nackte Haut und Plotlöcher bekommt man während der 90 Minuten nicht zu sehen. Der Streifen ist in rund zehn Geschichten eingeteilt, an denen unterschiedliche Zeichentrickstudios mitwirkten. Zusammengehalten wird das Ganze durch eine Rahmengeschichte, in der „Loc-Nar“, eine böse Entität, die durch Zeiten und Dimensionen reist, einen Corvette-Fahrer aus dem All (sic) pulverisiert. Das nächste Opfer soll ein junges Mädchen sein. Doch zuvor lässt sich Loc-Nar dazu herab, ihm seine Reisen zu schildern. Hier setzen die Binnen-Stories ein. Mal geht es um einen korrumpierten Taxifahrer, mal um eine Nerd-Fantasie oder die Geschehnisse in einem intergalaktischen Gerichtshof. In Lem´schen Dimensionen würde das grüne Ding Ijon Tichy alle Ehre machen. Aber: Wo immer es auftaucht, folgt ein Unglück auf das nächste. Passend zum Titel des SF-Comichefts – denn auf einem solchen basiert der Film – hat man das Geschehen mit Stücken von Black Sabbath oder Blue Oyster Cult garniert. Diese geben dem Film nicht nur das benötigte Flair, sondern unterstreichen die unverblümten Testosteron-Fantasien mit einem rebellischen Unterton – oder zumindest damit, was man sich damals unter Rebellion vorstellte. „Women´s Liberation shocks you with a new meaning“. Was einst ein Vampirella-Pulpheft grossmundig auf der Playboy-ähnlichen Titelseite verkündete, könnte auch als Motto für Heavy Metal fungieren. Welche Körperteile da „befreit“ werden sollten, liegt auf der Hand. Diese 180 Grad-Drehung des Feminismus fällt indes dort wieder auf sich selbst zurück, wo es um den Clou des Films geht. In der letzten Geschichte, „Taarna“, ist die Titelheldin eine schwertschwingende Amazone, die ihren Heimatplaneten vor Loc-Nar rettet. Die Binnen- greift auf die Rahmengeschichte über, und analog endet der Film mit dem Tod des giftgrünen Undings.

Körperkult

Nicht nur wegen ihrer zentralen Funktion lohnt es sich, „Taarna“-Story genauer anzuschauen. Vermischt werden Motive der Science Fiction, der Fantasy und sogar des Westerns. Loc-Nar stürzt auf einen kargen Wüstenplaneten und verwandelt die Hälfte der Bevölkerung in blutgierige Monster, die auf Beutezug gehen. Bevor die Ältesten von der Monsterhorde niedergemetzelt werden, sprechen sie eine Beschwörungsformel, welche Taarna, die letzte Tarrakanerin, zur Rettung herbeirufen soll. Es folgt die berühmte „Flugszene“, in der die Heldin auf ihrem Reptil durch die Lüfte schwebt. Was einerseits mit 3D-Effekten technisch interessant umgesetzt wurde, gewinnt durch Elmer Bernsteins klassischen Score endlich jene Tiefe, welche die übrigen Teile des Films vermissen liessen. Ähnlich wie Michael Moorcocks Prinz Corum gehört die Heldin einer längst vergessenen Zivilisation an und ist seit jeher dazu bestimmt, die Welt zu retten. Dass sie kurz darauf in ein hautenges Kostüm schlüpft, scheint diesmal weniger ein Zugeständnis an sabbernde Teenager, als die Mimesis eines antiken Körper- und Kraftkults, der es irgendwie auf einen Planeten in der fernen Galaxis geschafft hat. Penthesilea spielt ebenso mit rein wie Clint Eastwood – während der ganzen Geschichte redet die Heldin kein einziges Wort. In einem früheren FF-Artikel ging es um den sogenannten Sense of Wonder, den die SF-Subkultur für sich gepachtet hat und der in etwa mit dem „Sublimen“ zusammenfällt. Taarna liefert ein Musterbeispiel dafür, wie sich aus der Mischung archaischer Themen und entrückter Galaxien eine ganz eigene Form des „fassbaren Unfassbaren“ ergibt. Mit Darko Suvin und anderen gesprochen wird eine niedere Form der „Science Fantasy“ zelebriert – aber schon die Prinzessin vom Mars lehrte uns, es mit der Science in der Fiktion nicht so genau nehmen zu wollen.

Trash oder Kunst?

Die vielen geistigen Vorfahren der Story können nicht verhehlen, dass die Plotline auf das Allernötigste reduziert ist und auch in einem grottenschlechten SF-Sammelband nicht hervorstechen würde. Vielleicht ist es aber gerade diese Reduktion auf das Wesentliche, welche die Essenz von Taarna ausmacht und deshalb vor allen andere Binnenhandlungen des Films hervorhebt. Schwerlich kann man sich der Atmosphäre entziehen, die wie das bewegte Gemälde eines Hawkwind-Albumcovers wirkt. Zwar hätte der Opfertod am Ende nicht sein müssen, aber eine übertriebene Dramatisierung fällt weg. Darüber hinaus wird der Bogen zur Rahmenhandlung geschlagen: Das junge Mädchen der irdischen Jetztzeit transformiert sich zur neuen Tarrakanerin, die heilige Beschützeraufgabe wird genealogisch bzw. mystisch über Lichtjahre hinweg weitergeführt. Trash oder Kunst? Unsere FF-Lieblingsfrage bleibt für einmal mehr in der Schwebe.

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Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 22. Oktober 2015 um 14:02 veröffentlicht. Er ist unter Porträts abgelegt und mit , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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