Freies Feld

Remember Me

Von JÁNOS MOSER.

„Remixe Erinnerungen. Ändere die Welt.“ Was klingt wie ein Kapitel aus einem Ratgeber, ist der Slogan von Remember Me (2013), einem SF-Game für die PS3. Seit Dead Space, Resistance und co. ist die Konsole mit Science-Fiction mehr als bedient. Braucht es da wirklich noch weitere Alienhorden und Laserwaffen? Immerhin: Statt in die Innereien eines von Monstern verseuchten Raumschiffes im All entführt euch Remember Me in die Strassenschluchten von Neo-Paris im Jahr 2084. Für einmal schlüpft man auch nicht in die Rolle eines Space Marine, sondern in die Haut von Nilin, einer Gedächtnisjägerin, die alles daran setzt, ihre Erinnerungen aufzuspüren. Schöne neue Welt? Ob man sich an Remember Me erinnern sollte oder nicht, wird ein Test zeigen.

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Das Geschäft mit dem Gedächtnis

Ihr startet das Spiel in der Bastille, die mittlerweile zu einem modernen Supergefängnis geworden ist. Die Gefangenen, darunter Nilin, werden Opfer von vollständigen Gedächtnislöschungen. Dank eines Typen namens Edge, der aus dem Nichts im Funkäther auftaucht, gelingt jedoch die Flucht und ihr folgt fortan seinen Anweisungen. Leider ist das auch schon einer der grössten Ärgernisse des Games, denn Edges Stimme ist so unsympathisch, dass man am liebsten den Controller in den Bildschirm werfen möchte, sobald er den Mund aufmacht. Davon abgesehen wird Nilin endlich über die jüngsten Umstände aufgeklärt: Ein Konzern namens Memorize kontrolliert sämtliche Erinnerungen und manipuliert sie nach Belieben. Opfer dieser Manipulationen werden zu Leapern, zombieähnlichen Monstern, die auf alles einstürmen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Paris versinkt in apokalyptischen Zuständen und das Leben der Bevölkerung steht auf dem Spiel. Ziel des Games ist es selbstredend, eine Revolution zu starten und die Herrschaft des Konzerns zu beenden. Logisch, dass dabei ein paar Bosse und ihre Helfershelfer daran glauben müssen. Und hier kommt der Clou: statt eure Zielpersonen zu meucheln, manipuliert ihr ihre Erinnerungen, sodass sie sich entweder erschiessen, sonstwie ins Unglück stürzen oder im gnädigsten Fall ihre Entscheidungen einfach nochmals überdenken. Das geschieht durch den besagten Remix, der im Grunde nichts weiter als eine Videosequenz ist, die man vor- und zurückspult. Im Verlauf der Sequenz tauchen immer mal wieder Manipulationsmöglichkeiten auf: so stösst man ein Glas vom Tisch, verschiebt einen Koffer und löst Sicherheitsgurte, was dazu führt, dass die Erinnerung einen anderen Ausgang nimmt. So Spass diese Sequenzen machen, sie sind nur ein kleiner Teil des Spiels. Der Rest besteht aus einem Mix aus Klettern, Rätseln und Prügeln. Das Klettern sieht in den cineastischen Perspektiven zwar schmackhaft aus, ist aber keine wirkliche Herausforderung, da der nächste Vorsprung stets farbig markiert ist. Die Rätsel sind ebenfalls nicht der Rede wert; meist folgt man einer sogenannten „Reminiszenz“ (d.h. der Erinnerung eines Wachmanns u.ä., der als Geist vor einem hermarschiert) und knackt auf diese Weise Schlösser und Codes.

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Kombos

Bei den Prügeleien fühlt man sich an das FreeFlow-System von Batman: Arkham City erinnert, nur dass sich alles längst nicht so geschmeidig anfühlt. Daran Schuld ist nicht nur die etwas bockige Kamera, sondern auch die steife Steuerung. Ein Pluspunkt sind aber die originellen Kombos, die man selbst mithilfe sogenannter „Impressons“ zusammenstellt. Diese sind in insgesamt vier Kategorien aufgeteilt: rote teilen Schaden aus, orange heilen Nilin, violette regenerieren ihre Spezialfähigkeiten und blaue verstärken die Wirkung der vorangegangenen Impresson in der Kombo. Insgesamt gibt es 4-5 Tastenkombinationen, mit deren Wirkung man so beliebig experimentieren darf. Mehr als fünf Hits hintereinander zu landen, ist jedoch relativ schwierig, da die Gegner in Horden auf euch einstürmen und euch unablässig von allen Seiten attackieren. Diese reichen von fliegenden Robotern über gepanzerte Schildträger bis hin zu den erwähnten Leapern, die zwar schwach, aber in Gruppen extrem nervig sind (und jeder Gegnertyp muss natürlich mit einer anderen Strategie bekämpft werden). Die Spezialfähigkeiten, die man nach einer gewissen Zeit im Kampf einsetzen kann, sind echte Highlights. Man lässt Nilin Engelsflügel wachsen, dank denen sie heftig austeilt, lässt eine magnetische Bombe hochgehen, die umstehende Gegner in ihren Wirkungskreis zieht, oder macht sich für kurze Zeit unsichtbar.

Roboter

Da prügelt man sich also durch Neo-Paris. Eigentlich toll: endlich kein New York, Los Angeles, Tokyo oder was sonst auf dem üblichen Speiseplan steht. Von mir aus könnte man auch mal Edinburgh, Budapest und Warschau nehmen. Und warum nicht mal ein kafkaeskes Open World-Game in Prag? Das Setting von Remember Me funktioniert jedenfalls besser als das eines beliebigen 08/15-Superhelden-Spiels. Wer wie ich mit Schaudern an die LoS2-Architektur denkt, wird erleichtert feststellen, dass hier der Arc de Triomphe als groteske Mahnung an die Vergangenheit ganz schick in futuristischen Slums passt. Nilin gehört vom Typ her auch eher in die Kategorie Mirror’s Edge als, sagen wir, Tomb Raider. Trotzdem haben wir wieder dieses Klischee am Start, das beinahe in jedem SF-Game vorzufinden ist: Riesenroboter. Warum? Warum müssen diese Dinger überall auftauchen? Es macht einfach keinen Spass, gegen Blechbüchsen zu kämpfen – nun, aber das ist wohl Geschmacksache. So wie ich das sehe, scheint es ausserdem in Mode gekommen zu sein, vor jedem Spielkapitel ein Zitat eines berühmten Denkers hinzuklatschen. So wie da Camus, Kipling und weitere verschandelt werde – naja. Stören tut es sie ja nicht mehr. Aber vielleicht hätte man sich zuerst lieber um die Kamera kümmern sollen. Und um die Lippensynchronisation. Denn die ist grauenvoll.

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Fazit

Remember Me ist alles in allem ein solides Spiel. Es hat ein paar Schwächen, die es jedoch durch ein tolles Kampfsystem und die Erinnerungssequenzen wieder ausbügelt. Eine Weltneuheit ist es sicher nicht: aber wer gerade Lust auf ein SF-Spiel hat und nicht gegen Aliens (dafür aber gegen Roboter) kämpfen will, der liegt hier richtig. Nilin reiht sich zudem in die Riege der halbwegs vernünftigen Videospielheldinnen ein. Wann sie sprechen kann und wann nicht, muss sie allerdings noch ein wenig üben.

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Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 18. April 2014 um 17:18 veröffentlicht. Er ist unter Reviews abgelegt und mit , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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