Freies Feld

Philips CD-i

Von JÁNOS MOSER.

Wer glaubt, die Dreamcast habe auf dem Konsolenmarkt vergleichsweise schlecht abgeschnitten, hat wohl Recht. Nur: was heisst vergleichsweise? Ein Blick in das schon nach drei Jahren hoffnungslos veraltete „Spielkonsolen und Heimcomputer“-Lexikon im heimischen Regal offenbart ungeahnte Abgründe, bestehend aus längst vergessenem Elektroschrott. Wonderswan Color oder N-Gage gehören noch zur Spitze des Eisbergs, weiter unten warten unheimliche Skelette wie Creativision, Hanimex oder Oric-1. Und irgendwo in diesem Haufen liegt die CD-i von der Firma Philips. Fotos im Internet erinnern an einen unansehnlichen, alten DVD-Player. Mal von der Tatsache abgesehen, dass DVDs erst ein paar Jährchen später geboren werden sollten, treibt hier kein Wolf im Schafspelz sein Unwesen – oder eher ein sehr schafsähnlicher Wolf – denn das Gerät besitzt tatsächlich ein CD-Laufwerk, zu einer Zeit, da diese für Konsolen noch eine Sensation waren. Grund genug, die CD-i als grosse Errungenschaft zu handeln?

Scheibchen

Die Compact Disc Interactive erschien Anfang der Neunzigerjahre und war neben NES, SNES und co. eine vermeintliche Sensation. Von Philips und Sony gemeinsam entwickelt, konnte das Zauberding alle Arten runder Scheibchen abspielen: Audio-CDs, CD+Graphics (was das wohl sein mag?), Karaoke-CDs und sogar Video-CDs, wobei die letzteren den Kauf einer „Digital Video Card“ voraussetzten, mit der MPEG-1-Dateien dechiffriert wurden. Last but not least: die Konsole spielte auch verschiedene Games ab. Nach ein paar Jahren sah es schlecht aus um das Gerät, und 1998 musste die Produktion schliesslich eingestellt werden. Das einzige, was davon übrigblieb, war eine kleine CD-i-Steckkarte für Computer. Das Gerät war das Smartphone unter den Konsolen – und niemand wollte einen Allrounder vor zwanzig Jahren haben. Versteh einer die Welt. Wie dem auch sei: in den Anfangsphasen erschienen vor allem Lernsoftware und Umsetzungen von Brettspielen. Das ist aber nicht das Interessante. Das Interessante waren Lizenzvergaben eines gewissen Branchenriesen namens Nintendo an Philips – und deren bis heute berühmt-berüchtigten Folgen.

Lizenzen

Wie war das nochmal? Spielte Nintendo damals nicht mit dem Gedanken, ein CD-Laufwerk zu entwickeln? Sollte Final Fantasy VII mit seinen drei Discs nicht ursprünglich für einen CD-fähigen Nintendo 64 erscheinen? Nintendos Bemühungen reichen in der Tat schon in die SNES-Zeit zurück. Der japanische Riese beauftragte Philips damit, ein Laufwerk zu entwickeln. Die Sache ging auf irgendeine krude Weise in die Hose, und das Resultat geistert heute prominent durch Youtube: Hotel Mario, Link: The Faces of Evil, Zelda: The Wand of Gamelon und Zelda´s Adventure. Von den vier Nichtnintendo-Spielen mit Nintendo-Charakteren erfährt man bis heute aus offiziellen Firmenkreisen ziemlich wenig. Der Grund dafür: Sie sind grottenschlecht. Kein Charles Martinet (der Sprecher der bekannten Mario-Stimme), kein Zeichentalent, von Designtalent ganz zu schweigen. Die Spiele präsentieren eine auf albtraumhafte Weise verzerrte Riege unserer Kindheitshelden.


Kein Wunder, liessen Parodien nicht lange auf sich warten: Ganz im Stil der Spiele mit einfachsten Mitteln wie Windows Movie Maker und ein paar Zusammenschnitten.

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Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 5. Dezember 2012 um 12:12 veröffentlicht. Er ist unter Links und Tipps abgelegt und mit , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

Ein Gedanke zu „Philips CD-i

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