Freies Feld

Golden Sun: Die vergessene Epoche

Von JÁNOS MOSER.

Der Hype um die Golden Sun-Spiele war mir schon immer suspekt. Fing es beim ersten Teil mit begeistertem Schreien an, waren spätestens beim zweiten Ableger die Ohnmachtsfälle reihenweise vorprogrammiert. Und beim dritten Teil – ich muss gestehen, mit dem dritten Teil habe ich mich zu meinem eigenen Schutz nicht viel auseinandergesetzt. Wo also anfangen bei all dem Gekreisch und Geseufze von Grafik- und Rollenspielfetischisten? Goldene Sonne hier, goldene Sonne da. Die Entscheidung fällt mir trotz der Umstände relativ leicht: Der zweite Teil, Golden Sun: Die vergessene Epoche, ist und bleibt der einzige, den ich komplett durchgespielt habe. Darüber kann ich deswegen am besten urteilen. Und nun, war der Hype, der dieses GBA-Spiel umrankte, gerechtfertigt? Wir werden sehen.

Die goldene Sonne

Der Auftakt von Golden Sun: Die vergessene Epoche besteht schon mal aus wegdriftenden Kontinenten, Leuchttürmen, türkishaarigen Bösewichtern und Kraden, einem geschwätzigen Gelehrten. Schön und gut, nur: Ich verstehe nur Bahnhof! Wer sind all diese Typen eigentlich, warum bekämpfen sie sich, und was haben diese Leuchttürme damit zu tun? Das Aha-Erlebnis kommt Sekunden später: Die vergessene Epoche ist ein Sequel zum ersten Teil, und schliesst als solches scheinbar ohne grosse Vorerklärungen direkt an jenen an. Na toll. Kann ich jetzt gleich alles vergessen? Zum Glück nicht: Nach dem langen Intro flackern endlich, endlich ein paar erklärende Zeilen Text über den Bildschirm und ich verstehe zumindest Bruchteile der Story. Die ist im Groben und Ganzen auch nicht allzu schwer zu verstehen. Die Leuchttürme beschützen, ähnlich wie die FF-Kristalle, das Gleichgewicht der Welt, indem sie über die magischen Energien wachen. Werden sie entzündet, erscheint auf geheimnisvolle Weise die „goldene Sonne“, das Zentrum unendlicher Macht, das der Bösewicht Alex natürlich an sich reissen will und so weiter und so fort. Der alte Käse. Was weniger schlimm wäre, wäre Die vergessene Epoche zumindest kurzweilig erzählt. Unglücklicherweise ist Kurzweil jedoch etwas, das man als Golden Sun-Spieler ganz schnell wieder in die hintersten Hinterstübchen des Gehirns verfrachten sollte. Denn viel wird man davon im Spielverlauf nicht finden. Woran das liegt? An der Geschwätzigkeit der Charaktere! Noch nie habe ich in einem Videospiel wohl so viel unnötiges Gelaber gelesen. Wirklich, was die Charaktere so von sich geben, während es längst an der Zeit wäre, jemanden zu retten oder eine Katastrophe aufzuhalten, verursacht einen schieren Nervenkollaps. Und das Schlimmste daran: all dieses Geschwätz macht die Charaktere keinen Deut tiefgründiger oder interessanter.

Gutes Haar

Ein RPG mit schlechter Stoy und flachen Charakteren? Ist es das überhaupt wert? Nun ja, was das angeht, übertreibe ich gern manchmal. Fakt ist: Trotz all den Dingen, die auf die Nerven gehen, hat Golden Sun: Die vergessene Epoche so seine grossen Momente. Für ein GBA-Spiel ist die Welt riesig und abwechslungsreich (es geht über versunkene Städte wie Lemuria über tropische Inseln bis hin zu Polkappen), und die Musik weiss zu gefallen. Die Dungeons sind nicht minder unterhaltsam. Vollgepackt mit Rätseln und Verstecken, erinnern sie bisweilen an Zelda. Nicht zuletzt ist es wie in den Spielen mit Held Link an manchen Stellen von Nöten, die richtigen Fähigkeiten an den richtigen Stellen klug einzusetzen. Die Gruppe rund um Felix und co. nimmt hierbei „Psynergy“ zur Hilfe – die Magie der Golden Sun-Welt. So können Blöcke verschoben, Wasser zu Eis gemacht oder Steine davongerollt werden. Sogar die Gedanken der NPCs kann man für wenige Psynergie-Punkte nach Lust und Laune lesen. Versteht sich von selbst, dass Psynergy auch im Kampf eingesetzt wird. Und in der Tat ist das Kampsystem wohl die allergrösste Stärke des Spiels. Neben der Magie existieren nämlich sogenannte „Djinns“, welche die verschiedenen Elemente repräsentieren (Feuer, Wasser usw.). Die Djinns sind überall in der Welt von Golden Sun versteckt und können aufgespürt werden – so kommt richtiges Sammlerfeeling auf. Was die Djinns bringen? Die wohl mächtigste Waffe, welche einem im Kampf zur Verfügung steht: Beschwörungen. In weiser Vorentscheidung müssen die Djinns an die Charaktere gekoppelt und im Kampf sog. „entfesselt“ werden (mit Nebeneffekten wie erhöhter Resistenz usw.), damit diese ermöglicht werden. Nach dem Aufruf einer Beschwörung (die übrigens oft todschick aussieht) sind die Djinns für eine Weile ausser Gefecht gesetzt, bis sie sich „erholt“ haben und für eine erneute Beschwörung zur Verfügung stehen. Kommt hinzu, dass, je nach dem, welche Djinns an welchen Charakter gekoppelt wurden und in welchem Zustand sie sich befinden, die Recken unterschiedliche Fähigkeiten und Klassen zugewiesen bekommen. Was am Anfang noch verwirren kann, entwickelt sich nach und nach zu einem taktischen Freudenfest. Überlegtes Vorgehen ist gefragt, will man die teilweise sehr harten Bosse (ich erinnere mich da an Poseidon) besiegen will. Ja, Golden Sun macht hier alles richtig: Nach dem Sieg über die dicken Brocken (und z.B. dem darauf folgenden freien Zugang zu Lemuria) hat man endlich wieder einmal das Gefühl, etwas geschafft zu haben. All die Effekthascherei bezüglich Grafik usw. beiseite gelassen, Golden Sun: Die vergessene Epoche ist kein Weichspüler.

Flach oder Gebirgig

Nun, was bleibt übrig? Ist es empfehlenswert, einen Blick auf Golden Sun zu werfen? Ich sage: Ja, wenn man ein RPG mit guten Rätseln, einem gut durchdachten Kampfsystem und einer grossen, abwechslungsreichen Welt haben will. Nein, wenn man sehr viel Wert auf Charakterentwicklung, eine tiefgründige Geschichte und gute Dialoge legt. Das machen andere GBA-RPGs besser. Wenn man einen GBA besitzt, lohnt es sich allerdings, einen Blick auf Die vergessene Epoche zu werfen. Vor allem, weil es eines der wenigen RPGs ist, das keinen SNES-Vorgänger hat.

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Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 6. November 2012 um 16:43 veröffentlicht. Er ist unter Reviews abgelegt und mit , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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