Von JÁNOS MOSER.
Wie manche wissen, verbringt Geralt von Riva seinen Lebensabend seit dem Ende von The Witcher 3: Wild Hunt (2015) auf seinem Weingut in Toussaint. Nun sieht es so aus, als ob es für den Helden der berühmten Buch- und Videospielreihe, die mit dem dritten Game ihren Höhepunkt fand, wieder zu tun gibt: Nicht nur wurde für nächstes Jahr ein neuer DLC, also ein erweiterter Inhalt, für The Witcher 3 angekündigt, es soll demnächst auch eine Remastered-Version mit überarbeiteter Grafik und verbessertem Kampfsystem erscheinen. Zuvor aber hat sich ein neues Entwicklerstudio, das aus ehemaligen Witcher-Entwicklern besteht, daran gemacht, ein Spiel zu verwirklichen, das den Abenteuern von Geralt in vielerlei Hinsicht ähnelt, aber doch etwas ganz Eigenes wagt: The Blood of Dawnwalker.
Starker Auftakt
Der blutige Titel lässt erahnen: Wir haben es mit einem Vampirspiel zu tun. Davon gab es in den letzten Jahren tatsächlich immer mal einige, doch auf ein komplexes RPG im Stil von Vampire: The Masquerade – Bloodlines (2004) mussten Videospielfans bis jetzt warten (der Bloodlines-Nachfolger liess in Sachen Komplexität leider arg zu wünschen übrig). Dawnwalker bietet, so heisst es, eine vielschichtige Story, interessante Entscheidungsmöglichkeiten und komplexe Charaktere. Schauen wir mal, ob an diesen Versprechen was dran ist. Aber zunächst: Worum geht es? Der Schauplatz des Spiels ist das sogenannte Sangora-Tal, ein abgelegener Landstrich irgendwo zwischen den Karpaten. Im Jahr 1347 wütet dort die Pest, und Fürst Skender, der Herrscher des Tals, lässt alle Kranken gnadenlos verfolgen und hinrichten. Unser Held, ein armer Bauerssohn namens Coen, versucht seine kranke Schwester Lunka vor dem Fürsten und seinen Häschern in Sicherheit zu bringen. In den Ruinen einer alten Kirche sucht er Zuflucht, wird aber von seinen Verfolgern gestellt. Die Lage scheint aussichtslos, bis Vampir Brencis und seine blutsaugenden Verbündeten auftauchen. Sie machen mit Skender und Co. kurzen Prozess. Das Problem scheint damit gelöst. Nur: Jetzt herrschen die nicht minder grausamen Vampire über das Tal. Das Volk wird zwar von Steuern befreit, aber im Gegenzug verlangen die Untoten bedingungslosen Gehorsam von ihren Untertanen. Die Gesunden und Arbeitsfähigen sollen jede Woche einen Teil ihres Blutes abgeben, die Alten und Schwachen werden kurzerhand getötet. Im Gegenzug erhält die Bevölkerung Vampirblut, das Krankheiten – wie eben die Pest – heilt. Zu dieser ambivalenten Ausgangslage gesellt sich das weitere Schicksal Coens, dem Brencis während eines Aufstands einen Vampirzahn in die Brust stösst und so zu einem Dämmerblut macht, einem Halbvampir, der tagsüber als Mensch durch die Welt wandelt, bei Nacht von zügellosem Blutdurst geplagt wird. Zur Strafe für die plebejische Aufsässigkeit entführt Brencis zudem Coens Familie und will sie zur Krönungsfeier opfern, die in dreissig Tagen stattfinden soll. Unserem Helden bleibt bis dahin Zeit, seine Angehörigen zu retten.
Ein Spiel auf Zeit
Die Beschreibung der Ausgangslage brauchte etwas Platz, weil der Auftakt und die Prämisse dieses Spiels zu seinen grossen Stärken gehören. Ist der Schreckensherrschaft der Vampire unbedingt ein Ende zu setzen – oder sind sie letztlich das kleinere Übel als der Terror eines Fürst Skender? So lautet die Gewissensfrage, die sich während des vierzig bis fünfzig Stunden langen Abenteuers von The Blood of Dawnwalker stellt. Wer mit den ersten Quests startet, wird schnell merken, dass sich das Writing stark an die Witcher-Games anlehnt: Oftmals gibt es nicht die eine «richtige» Lösung, je nach Handlung reagiert die Umwelt anders, und es ist an uns, die Optionen abzuwägen. Wie Coen seine Aufgaben angeht, ist dabei stark an die zwei grundlegenden Mechaniken des Spiels gekoppelt: der Tag- und Nachtwechsel und das Zeitmanagement. Ersteres entscheidet darüber, ob wir uns der Aufgabe in Vampirform annähern – beispielsweise über Dächer hüpfen, um problemlos in Gebäude einzusteigen – oder als Mensch unser Glück versuchen, indem wir, um selbiges zu erreichen, etwa Wachen bestechen. Die vampirische Herangehensweise ist oft simpler, da Vampir-Coen üübermächtige Teleport- und Kletterfähigkeiten besitzt, hat aber den Nachteil, dass man eventuell interessante Gespräche verpasst. Wobei: So wirklich frei sind wir oftmals gar nicht, da viele Quests (bzw. bestimmte Teile derselben) entweder nur bei Nacht oder nur bei Tag erledigt werden können, was im ungünstigsten Fall merkwürdige «Wartezeiten» nach sich zieht. Und damit wären wir beim besagten Zeitmanagement, ein Feature, das im Vorfeld des Releases für hitzige Diskussionen gesorgt hat. Kurz erklärt: Die dreissig Tage, die Coen hat, um seine Familie zu retten, sind auch tatsächlich ernst gemeint und werden vom Spiel wie eine Ressource behandelt. Und wie jede Ressource kann sie auch verbraucht werden. Dies geschieht zum einen durch das Vorantreiben oder Abschliessen von Quests, zum anderen fast immer dann, wenn Coen neue Fähigkeiten im Skilltree freischaltet. Einzig während des freien Erkundens und Kämpfens steht die Zeit quasi still. Somit treiben alle Aktionen, die Coen seinem Ziel – dem Sturz Brencis’ – irgendwie näher bringen, den Tag bzw. die Nacht unerbittlich voran. Der Spieler muss also darauf bedacht sein, welchen Aufgaben er sich wann widmet. Das mag bei manchen heftige FOMO auslösen (fear of missing out). Schlussendlich sind aber, obwohl es anfänglich nicht so scheint, bestimmt 80 Prozent aller Quests in einem Durchlauf machbar, sodass man am Ende nicht das Gefühl hat, etwas verpasst zu haben. Im Notfall informiert man sich vorab, welche Quests ohne viel Schaden links liegen gelassen werden dürfen (dazu gehört etwa das Reparieren zerstörter Speicher- bzw. Schnellreisepunkte). Komplett Renitente können das Zeitlimit – auch eine Entscheidung – sogar einfach ignorieren und auf die Familie pfeifen.
Die richtige Richtung
Coens Schattendasein bzw. sein Leben als Halbvampir wirkt sich natürlich nicht nur auf die Quests aus, sondern auch auf den Kampf. Tagsüber ist seine Hauptwaffe das Schwert, nachts benutzt er vorzugsweise seine Klauen. Zudem schaltet man nach und nach eine Art Blutmagie frei, die aber nur tagsüber funktioniert. Der erwähnte Skilltree ist in die entsprechenden drei Bereiche aufgeteilt, die mit ihren jeweiligen Boni und Fertigkeiten aufwarten. Im Schwertkampf kann sich Coen beispielsweise Rundumhiebe oder ähnliches aneignen, sein Zauberarsenal besteht aus mächtigen Distanzangriffen, und als Vampir stürzt er sich vorzugsweise blitzschnell auf die Feinde und trinkt ihr Blut, um die eigene Gesundheit aufzufüllen. Je mehr Blut Coen trinkt, desto schneller füllt sich die «Korruptions»-Anzeige, die aber keine erkennbaren Nachteile hat, sondern es im Gegenteil ermöglicht, noch bessere Vampirfähigkeiten freizuschalten. Die Steuerung mit der Waffe funktioniert ähnlich wie bei Kingdom Come: Deliverance. Je nachdem, aus welcher Richtung der Gegner angreift, muss man in dieselbe Richtung blocken; umgekehrt können die eigenen richtungsbasierten Angriffe entweder abgeblockt werden oder, gut getimed, kritischen Schaden verursachen. Was zunächst spassig klingt, hat zugleich seine Fallstricke: Da selbst gewöhnlichste Gegner wie Wildschweine oder Wölfe verhältnismässig viel zu viel HP haben, ufern die Kämpfe mit der Zeit zur Geduldsprobe aus. Je länger ich spielte, desto eher ging ich ihnen deshalb aus dem Weg. Die Gegner «scalen» ausserdem mit, d.h. ihre Stärke passt sich an das jeweilige Level des Charakters an, was bedeutet, dass man sich sogar in den Anfangsgebieten nie wirklich übermächtig fühlt. Man mag es verfluchen oder verteufeln.
Die drei Bojaren
Zeitdruck, Tag- und Nachtwechsel, Entscheidungen, zähe Kämpfe – The Blood of Dawnwalker fühlt sich zu Beginn sperrig an. Ist es wohl auch. Das legt sich aber bald, wenn man verstanden hat, wie die grundlegenden Bahnen des Spiels geeicht sind. Brencis besitzt einen «Hofstaat» von drei Bojaren, den erwähnten Verbündeten. Um den Vampirfürsten zu schwächen, knöpfen wir uns vorzugsweise diese drei Boss-Fieslinge vor. Jeder von ihnen hat ein eigenes Gebiet auf der Karte sowie eine bestimmte Aufgabe. Der junge Schönling Ambrus etwa ist für die Bluttransporte an Brencis zuständig. Wenn wir genügend dieser Transporte sabotieren bzw. Blutlager ausräumen, schalten wir schliesslich eine Quest frei, die uns zur direkten Konfrontation mit Ambrus führt. Besiegen wir ihn im Kampf, fügen wir Brencis’ Herrschaft empfindlichen Schaden zu, was uns wiederum im Endkampf hilft. Nach derselben Logik funktionieren auch die beiden anderen Höflinge. Mit dem Fortschreiten der Sabotageakte steigt auch unser Ruf. Nehmen die Soldaten Brencis’ von uns zunächst kaum Kenntnis, steigen wir nach und nach zum Staatsfeind Nummer eins auf, was dazu führt, dass er verhandeln will. Alternativ gibt es mehrere lange Questreihen, die es uns zum Ende hin ermöglichen, seine Festung mit einem (oder mehreren) Begleiter(n) zu stürmen. Je nachdem, was wir vorher alles erledigt haben, wird uns diese Angelegenheit leichter oder schwerer fallen. Machbar ist sie auf jeden Fall, auch wenn wir nicht jedes einzelne Banditenlager gesäubert, jedes magische Item gefunden haben. Meistens läuft das Prozedere einer Quest übrigens wie klassische Videospiel-Detektivarbeit ab: Per «Fokusmodus» können wir uns – ähnlich wie bei The Witcher – wichtige Gegenstände an einem Tatort gelb leuchtend anzeigen lassen. Mit dem «Seelenzwang»-Zauber lassen wir Tote für kurze Zeit auferstehen und von den letzten Momenten vor ihrem Ableben erzählen, wodurch wir weitere wichtige Hinweise erhalten. Am Schluss geht es dann meist einfach darum, irgendwelche Monster in Höhlen zu verkloppen. Neben dem Wandern an Mauern, Decken und dergleichen gehört zu meinen Lieblingsvampirfähigkeiten by the way die Verwandlung in einen Wolf, der weite Strecken in kürzester Zeit zurücklegt (Reittiere gibt es nicht).
Die Tücken
Abgesehen davon, dass die Kämpfe, egal ob als Mensch oder Blutsauger, etwas Durchhaltewillen benötigen, klingt Coens Dasein als Dawnwalker wohl nicht einmal so schlecht. Es gibt da aber, um es der Vollständigkeit halber zu erwähnen, einige Tücken. Zwar können Knoblauch und Silber einem Dämmerblut nichts anhaben – doch muss er, um nachts bei Kräften zu bleiben, eben Blut trinken. Im besten Fall holt er sich dieses von wild umherstreunenden Tieren. Oder dann eben auch mal von einem ahnungslosen Bauern. Obwohl es das Spiel einem durch die «Korrpution» suggeriert, spielt es merkwürdigerweise überhaupt keine Rolle, wie viele Menschen wir aussaugen. Das System wurde meines Erachtens nicht ganz zu Ende gedacht. Ebenfalls das «Infamy»-Level, das die längste Zeit über kaum einen Einfluss auf das Spiel zu haben scheint (bis kurz vor Schluss, wo man plötzlich von jeder einzelnen Wache angegriffen wird). Wohingegen man aufpassen muss, bei den Dialogen nicht etwas sehr Dummes zu tun. Da kann es nämlich bisweilen passieren, dass, wenn Coen wenig Lebensenergie hat, seinem Blutdurst nachgibt und sich an wichtigen Story-NPCs verköstigt, ohne es zu wollen. Zu den spielerischen Tücken gesellen sich auch ein paar technische hinzu. Die da wären: eine zuweilen hakelige Steuerung, blockierte Quests, Framerate-Einbrüche. Über die fünfzig Stunden Spielzeit hatte ich auf der PS5 auch einen Absturz, aber das ist wohl noch zu verkraften. Technisch bleibt das Gesamtbild dennoch ein wenig durchzogen.
Warten auf die Fortsetzung
Wie von Seiten der Entwickler zu hören war, soll The Blood of Dawnwalker nur das erste Spiel einer mehrteiligen Dawnwalker-Saga gewesen sein. Der Schluss des Games, der einige Fragen offenlässt, deutet auch stark auf eine Fortsetzung hin. Bis wir die bekommen, dürfte aber noch einige Zeit vergehen. Selbige habe ich aber mit dem ersten Teil schon mal gut verbracht – und das tut auch jeder, der sich von der ungewöhnlichen Prämisse und dem (eben sehr generösen) Zeitsystem nicht abschrecken lässt. Die Technik hat zwar ihre Macken, aber wer Figurentiefe, Entscheidungsfreiheit und interessante Geschichten in einem RPG sucht, kann mit dem Spiel auf jeden Fall nichts falsch machen. Nach dem Schluss bin ich nun gespannt, wie es mit Coen weitergeht.
The Blood of Dawnwalker
23 Sept
Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 23. September 2026 um 18:27 veröffentlicht. Er ist unter Reviews abgelegt und mit RPG, The Blood of Dawnwalker, The Witcher, Vampire, Videospiel getaggt.
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