Freies Feld

La Pucelle vs. Monsters

Von JÁNOS MOSER.

Die Jungfrau von Orleans hat eine lange Geschichte medialer Entwürfe hinter sich. Von der ersten zeitgenössischen Zeichnung – einem Gekritzel in einem Pariser Protokoll – über Voltaires satirisches Epos des 18. Jahrhunderts, dramatischen Historiengemälden des 19. Jahrhunderts, eine Verfilmung mit Milla Jovovic bis hin zu Felicitas Hoppes postmodernem Roman von 2006 gibt es bereits zahlreiche mal mehr, mal weniger gelungene Iterationen der französischen Nationalheldin. Mitte der Nullerjahre machte sich zufällig auch ein japanisches Videospiel den historischen Stoff zu Eigen. In Jeanne d’Arc (PSP) kämpfen wir an der Seite von real existierenden historischen Figuren wie Gilles de Rais und Arthur de Richemont gegen die englischen Besatzer, zu denen der Duke of Bedford, John Talbot – und Monster wie Orks und Echsenmenschen zählen. Das Spiel versteht sich als historisch inspiriertes Fantasy-Epos. Wie viel History, wie viel Fantasy steckt in dem Taktik-RPG? Und wie spielt sich dieses denkwürdige Gemisch?

Auf Eskortmission

Die erste Frage ist relativ schnell beantwortet: Allzu genau nimmt das Spiel den Hundertjährigen Krieg und das Schicksal der historischen Figur natürlich nicht. Zwar stimmen die Szenerie und einige Eckpunkte der Geschichte überein – wir starten die Reise im Örtchen Domrémy, wo Jeanne tatsächlich geboren wurde; sie hört göttliche Stimmen und geht auf heilige Mission, um den Dauphin (den späteren Karl VII.) nach Reims zu eskortieren; sie gelangt bis nach Paris – das meiste ist aber zwecks Unterhaltung geschwind zusammenfantasiert. So steht über der englischen Monsterarmee eine JRPG-typische dämonische Macht namens Gilvaroth, die hinter dem Krieg steckt und die es zu bekämpfen gilt. Es gibt Tiermenschen. Und insbesondere darf unsere Protagonistin ja nicht auf dem Scheiterhaufen sterben – wer würde sonst die Welt retten? Ebenfalls eine wichtige Rolle spielen magische Armreife, von denen es in der Welt insgesamt fünf gibt und in denen transformative Kräfte schlummern. Jeanne, in Besitz eines Armreifs, erhält die Fähigkeit, sich auf dem Schlachtfeld in eine mächtige, von Kopf bis Fuss gepanzerte Ritterin zu verwandeln. Hier stecken wir bereits mitten im «Magical Girl»-Genre, das sich durch ebensolche Verwandlungsszenen auszeichnet und dank Animeserien wie Sailor Moon auch hierzulande Bekanntheit erlangte (wenn wir es in den Neunzigern wohl auch nicht als Genre wahrnahmen). Die Story verfolgt interessante Ansätze und Ideen, wie etwa ein Verwechslungsszenario oder ein Liebesdreieck zwischen Jeanne, ihrer Kindheitsfreundin und einem Freund aus ihrem Heimatdorf. Die Dialoge, mit denen diese Szenen vorangetrieben werden, sind zumindest annehmbar. Etwas schade ist aber, dass viele dieser Fäden im Spielverlauf fallengelassen oder vergessen werden. Gerade das Liebesdreieck hätte z.B. mehr Aufmerksamkeit verdient, wird in der zweiten Hälfte des Games jedoch konsequent ignoriert. Auch die im historischen Kriegssetting wirklich unverständliche, aber wohl der Zielgruppe geschuldete Tatsache, dass fast keiner der besiegten englischen Kommandeure jemals wirklich stirbt, sie im Gegenteil immer wieder auftauchen (Talbot lässt grüssen), verringert den Eindruck der Schlachten. Das Gesamtbild wird dadurch zwar getrübt, aber nicht verdorben – spannend und wendungsreich bleibt die Geschichte dennoch.

Auf dem Schlachtfeld

Zur Gameplay-Frage: Wie angedeutet, handelt es sich bei Jeanne d’Arc um ein Taktik-RPG. Wie beim Schach bewegt man die Figuren rundenweise über das Feld, platziert sie geschickt im Terrain und führt Angriffe aus. Spiele dieser Art wurden durch Klassiker wie etwa Final Fantasy Tactics bekannt und feierten in den 2000ern mit Fire Emblem oder Advance Wars erfolgreich auf dem Gameboy Advance ihren Einstand. Vor allem Fire Emblem gilt bis heute wohl als die grosse Referenz, an der sich die übrigen Spiele dieser Art orientieren. Jeanne d’Arc übernimmt einige Aspekte von FE und lässt andere dafür – Gott sei Dank – beiseite. So gibt es auch hier eine Art Schere-Stein-Papier-Waffendreieck, nur mit magischen Elementen, dieses wirkt sich aber nur minimal auf den erteilten bzw. erlittenen Schaden aus. Das sogenannte «Permadeath»-System wurde auch über Bord geworfen, d.h. Charaktere, die im Kampf fallen, bleiben einem trotzdem für zukünftige Missionen erhalten, statt unwiederbringlich verloren zu sein. Stundenlange Riesenschlachten wie in FE4 bleiben einem auch erspart. Die Transformationen – später kommen neben Jeanne noch andere Charaktere mit dieser Fähigkeit hinzu – sichern dem Spieler einen entscheidenden Vorteil gegenüber der feindlichen Armee und machen das Game im Vergleich zu anderen Genrevertretern ziemlich einfach – vorausgesetzt, man hat das richtige Level. Ja –  um zu gewinnen, muss man keine komplizierten Berechnungen anstellen, auch nicht stundenlang über Ausrüstungen grübeln (es gibt recht wenig davon und die Waffen können auch nicht kaputt gehen), sondern die einfachste Strategie ist, Levels zu farmen – dafür aber viel. Das dauert zwar seine Zeit, der Sieg ist einem dafür aber immerzu sicher. Schwierigkeiten bereiten könnten einem nur dann und wann die Nebenmissionen, aber auch da bloss, weil man die Charaktere zu wenig aufgelevelt hat. Als ultimative Herausforderung gibt es eine Reihe von Kolosseum-Matches, diese sind aber nicht nötig, wenn man lediglich die Credits des Spiels sehen will. Die fehlende taktische Tiefe könnte Hardcore-Fans des Genres natürlich abschrecken, aber Jeanne d’Arc richtet sich wohl eher an Einsteiger – für einmal auch keine schlechte Sache.

Fazit

Es ist wohl kaum verkehrt zu sagen, dass die historische Jeanne ein ebenso unglaubliches wie einzigartiges Schicksal erlitt. So legendenbildend dürfte das gleichnamige PSP-Spiel aus den 2000ern nun nicht werden. Trotz Remaster für die Playstation ist es bis heute eher ein Geheimtipp geblieben. Und doch hat es was für sich. Es ist zwar nicht das einzige Spiel mit historischen Bezügen, nicht einmal das erste Strategiespiel, in dem Jeanne vorkommt (vgl. Age of Empires II) – dennoch ergibt die Mischung aus Historie und «Magical Girl»-Anime, so seltsam es klingt, auf eine verquere Art irgendwie Sinn. Jeannes Weg vom einfachen Bauernmädchen zu einem nationalen Mythos weist ja wirklich transformative Qualitäten auf. Während es der «echten» Jeanne verwehrt blieb, diese Verwandlung mitzuerleben (die Heiligsprechung durch Papst Benedikt XV. erfolgte sogar erst 1920), so erhält sie hier vielleicht sowas wie späte Genugtuung in Videospielform: Die Verwandlung wird zu ihrer Waffe gegen das Böse.

Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 21. August 2026 um 23:24 veröffentlicht. Er ist unter Reviews abgelegt und mit , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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