Freies Feld

Die Renaissance des Plauderns ; Shandys Wiederauferstehung im Film

Von CÉDRIC WEIDMANN.

Was ist Plaudern? Was ist Abschweifen? Auf den ersten Blick scheint beides ein wenig aus der Mode geraten zu sein. Durch die Forderung nach Effizienz und kommunikativer Geradlinigkeit, durch die Möglichkeit, sich direkt informieren zu können, ist das Plaudern ein wenig in Verruf geraten. Wieso sollte man plaudern? Lohnt sich palavern irgendwie? Mit wem überhaupt?
Dieses zunehmende Tabu widerspricht der neuen Welt, in der wir Leben. Auf Computern ist das Plaudern schon im Wort »Chat« angelegt, im Begriff des »Surfens« — das uns die Ziellosigkeit der Bewegung anzeigt und der deshalb schon wieder fast verschwunden ist — springt es uns entgegen und in den Formen des Mutlitaskings oder des Prokrastinierens, das den Internetuser schnell einmal Zeit kostet, ohne dass er begriffen hat, wofür.
In den letzten Jahren etablierten sich aber auch in Erzählmedien Plauderformen, die das Abschweifen zelebrieren — also Erzählstrategien, die eigentlich völlig ineffizient sind. In dieser Richtung begegnet uns die Zukunft des Erzählens.

Die Narration und das Geschwätz

Tristram Shandy reflektiert über seine Abschweifungen.

In der fiktiven Autobiographie von Tristram Shandy, die auf den ersten fünfhundert Seiten gerade Mal die Geburt der Hauptfigur schildert, ist das Abschweifen der Hauptangelpunkt der Geschichte. Vom brillanten Plauderton, der in irren Linien die Erzählung führt, wird der Leser vom Inhalt der Geschichte abgelenkt und immer wieder, allerdings nur für kurze Zeit, zu ihr zurückgeführt. Seither hat sich viel getan, das Aufkommen von Novellen und Kurzgeschichten verlangten Verknappung der Romane: Das Plaudern gehörte nicht in eine Zeit des Telegramms.
Roland Barthes spricht von zwei Sorten der Erzählung: der Narration und »le radotage«, dem Geschwätz:

Il est donc légitime que […] on se doit périodiquement soucié de la forme narrative […] ou bien le récit est un simple radotage d’événements, auquel cas on ne peut en parler qu’en s’en remettant à l’art, au talent ou au génie du conteur (de l’auteur) — toutes formes mythiques du hasard —, ou bien il possède en commun avec d’autres récits une structure accessible à l’analyse, quelque patience qu’il faille mettre à l’énoncer. [Barthes]

Die Renaissance des Geschwätzes

Seit siebenhundertseitige Bücher nur noch Anreiz sind, wenn es sich um einen Klassiker oder einen Kultroman handelt, ist das Plaudern aus der Literatur verschwunden und in neue Medien übergangen, denen man die Möglichkeit zu plaudern eigentlich absprechen würde. Das berühmteste aktuelle Beispiel ist die Sitcom von How I Met Your Mother, deren letzte Staffel im September beginnen soll. Wie der Titel vermuten lässt, handelt die extradiegetische Ebene der Geschichte davon, dass der Erzähler (Ted Mosby) seinen Kindern im Jahr 2030 erzählt, wie er ihre Mutter kennengelernt hat. Die Abschweifung, der er sich im Erzählen hingibt, ufert in 8 Staffeln aus, die seit 2005 produziert wurden. Die intradiegetische Ebene führt in einzelnen Folgen die Geschichte von Ted und seinen drei besten Freunden aus — die aber durch einen unkonventionellen narrativen Umgang überrascht: Geschichten werden aus verschiedenen Perspektiven erzählt, sie fügen sich über weite Strecke zusammen oder Erzählungen werden kurzerhand völlig korrigiert. (Zum Versuch einer Analyse.)

Teds zuhörende Kinder.


Dass es in einer der erfolgreichsten Fernsehsendungen einen Erzähler aus dem Off gibt, ist bemerkenswert. Denn das Ausschalten von Erzählern gehört zu den vermeintlichen Vorteilen des Films (und der Videospiele) gegenüber der Literatur. Gerade wenn es darum geht, das Abschweifen, das Plaudern oder einen unsicheren Erzählverlauf einzubauen, wird ein Erzähler plötzlich wieder interessant. Dies auch deshalb, weil die Narration aufgelöst wird: Glaubt man Barthes, so ist gerade das Geschwätz nicht zu einer Analyse fähig und es scheint so, als würde das immer mehr provoziert werden.

Das cinemastische Geschwätz

Das hübsches Beispiel für das cinematische Geschwätz, le radotage im Medium des Films, ist der Kurzfilm La Huenda, dessen Off-Erzähler — wie Tristram Shandy — über sein Abschweifen reflektiert. Der Film — von der eigentlichen Geschichte her so simpel, dass es nicht einmal als Idee zählen kann — hat über 77 Preise eingeheimst und gehört zu einer neuen Form der Unterhaltung.

Das zweite Beispiel, das noch stärker in diese Richtung geht und schliesslich dort anlangt, wo es für die Zukunft der Medien wirklich relevant ist, ist das entzückende Werk, das nur Deutschsprachige geniessen können: Die Sendung ohne Namen. Die Off-Stimme (von Fred Schreiber) hat kein anderes Ziel mehr als le radotage: Jede Folge der österreichischen Sendung hat ein Thema, das es immer wieder berührt, von dem es aber auf so folgenschwere Art abdriftet, dass es einem Gänsehaut macht. Die Überfütterung mit Informationen: Wikipediawissen, das auf dem Bildschirm eingeblendet wird, das Videomaterial und die eingespielte Stimme führen zu einer dreifachen Auslastung des Zuhörers. Unter Fans wie mir gilt einstimmig die Tatsache, dass eine Sendung zwei oder dreimal zu schauen keineswegs langweilig wird, die pure Informationsflut ist eine Überforderung — und das reinste Vergnügen.
Dabei ist ein sehr geringer Teil selbst gemacht — aus dem ORF-Archiv werden Schipsel aus Nachrichten, Reportagen und Werbungen collagiert, die manchmal aktuell, manchmal ein halbes Jahrhundert alt sind. Dieses Gutenberg-Verfahren ist hochaktuell, wenn man die Plagiats- und Urheberrechtsproblematik im Auge hat, und spannend, wenn man an die »Informationsflut« der neuen Medien denkt. Am Faszinierendsten aber ist, dass durch dieses Geschwätz auf eine Geschichte vollkommen verzichtet werden kann und es trotzdem einen erheblichen Unterhaltungswert bietet.

Die Zukunft des Plauderns

Einerseits ist das ausschlaggebend für die Zukunft des Mediums Film. Neben dem neuen epischen Erzählen, das durch gross angelegte Fernseh-Serien erzählt wird und immer mehr die Bedeutung von Spielfilmen übertrifft, entsteht eine neue Möglichkeit, das Medium für die Zukunft zu nutzen: Für das Plaudern, das Abschweifen, le radotage.
Andererseits ist es interessant, wenn man noch einen kurzen Blick auf Videospiele werfen will. Wie wir aus dem Schisma gelernt haben, sind Spiele mehr als nur Geschichten. Könnte die Narration eines Spiels auch in ein Geschwätz aufgelöst werden? In Spielen wie Eden, die ganz ohne Hauptperson auskommen, sind solche Versuche schon angelegt, das Geschwätz aber als solches zu machen, ist wohl auch finanziell ein zu grosses Risiko. Denn oftmals ergibt sich das Geschwätz unfreiwillig. In modernen Sandkastenspielen (GTA, Just Cause etc) ist die Geschichte bei all den Ministories und Zeitvertreibsmöglichkeiten zerstückelt und lose. Die Geschichte folgt nicht unbedingt linearen Zeitmassstäben. Von einem richtigen Geschwätz — das sozusagen dem Spiel selbstironisch auch vorhalten würde, wie sinnlos es ist — sind Videospiele aber noch weit entfernt.

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Dieser Beitrag wurde von Cedric Weidmann geschrieben und am 12. August 2013 um 13:10 veröffentlicht. Er ist unter Theorie abgelegt und mit , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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