Freies Feld

The Last of Us

Von JANOS MOSER.

Die Entwicklerschmiede Naughty Dog hat sich in den letzten Jahren ja zu so etwas wie Square in seligen PS1-Tagen gemausert. Jedes Spiel ein sicherer Hit, ein goldenes Händchen für packend erzählte Geschichten und massig Kapital für arme Programmiersklaven. Kein Wunder, wurde der neuste Streich der durch die Uncharted-Reihe berühmt gewordenen Entwickler regelrecht aus den Verkaufsregalen gerissen. Noch immer kommt es zu Lieferengpässen, und wenn mal auf wundersame Weise ein Exemplar von The Last of Us auf dem Flohmarkt auftaucht, wird darum gestritten wie um die letzten Wasserreserven. Was macht das Endzeitszenario so begehrenswert? Sind es die gut bezahlten Schauspieler, die den Protagonisten zur Seite standen? Sind es die riesigen Werbeplakate? Die Newsportale? Steckt mehr hinter der raffinierten PR-Maschinerie als man vermutet? Oder sind wir einem faulen Pilz auf den Leim gegangen? Herausfinden können wirs nur, indem wir uns selbst auf den Trip durch das apokalyptische Amerika machen.

Apokalypse

Wer eines der Spiele um Nathan Drake gespielt hat, wird die filmisch inszenierte Action noch gut im Gedächtnis haben. Die ersten Minuten von The Last of Us lassen Ähnliches vermuten: Nach einer langen Cutscene übernehmt ihr in der Nacht der Apokalypse die Kontrolle über Joels Tochter. Langsam lässt ihr sie durch den Flur schlurfen, wobei es sich anfühlt, als würde man ihr dabei zusehen. Als dann auch noch gefühlte tausend geskriptete Events auf euch einstürmen, erhält die erste Euphorie über die tolle Grafik einen leichten Dämpfer. Kommt man hier auch mal zum Spielen, oder will man uns nur ein Dragon’s Lair in modernem Gewand vorsetzen? Immerhin bekommen wir ein paar emotionale Momente zu sehen – was bei einem apokalyptischen Szenario ja kaum zu vermuten war. Glücklicherweise sind nur die ersten Spielminuten so. Zwanzig Jahre später – im Erzählverlauf versteht sich – ist Amerika nur noch ein Hort für Pflanzen und wandelnde Pilze. Was? Richtig. Statt Zombies hat man sich etwas komplett Neues, Einzigartiges und Verwunderliches ausgedacht (oder so): Grund für das ganze Desaster à la World War Z war eine unangenehme Pilzinfektion. Fusspilz, Scheidenpilz? Zugegeben, es fällt im fortgeschrittenen Stadium schwer, die Krankheit einem bestimmten Körperteil zuzuordnen. Jedenfalls übernehmen bösartige Pilzsporen die Kontrolle über menschliche Körper und verwandeln den netten Nachbar von Nebenan in ein blutrünstiges Monster mit Hunger nach Frischfleisch. Was es auch ist, es bietet Naughty Dog die perfekte Gelegenheit, uns mal ein Zombiespiel vorzusetzen, das den Anspruch hat, mehr zu sein als der nächste Romero-Abklatsch. Die Rahmenhandlung ist letzten Endes gleich geblieben. Eine Gruppe Überlebender versucht – nun, zu überleben, während sie von Infizierten, Plünderern und sonstigem Gesindel attackiert werden. Wie immer gibt es dabei eine geringe Hoffnung auf Rettung; im Fall von The Last of Us ist das Ellie, eine kleine vierzehnjährige Göre, die immun gegen die Pilze zu sein scheint. Joel, der sich nach der Apokalypse als Schmuggler durchschlägt, erhält den Auftrag, sie zu den „Fireflies“ zu bringen, irgendeiner autonomen Gruppierung, die mit ihrer Hilfe ein Gegenmittel herstellen könnte. Dass dies kein Spaziergang wird, war zu erraten. Das Kind aus der militärischen Quarantänezone zu schmuggeln, ist noch das kleinste Übel. „Ausserhalb“, zwischen den zerfallenen Hochhäusern und Vorstadtgärten der urbanen Welt lauern zahllose Infizierte und Räuber, die euch ans Leder wollen. Spätestens, nachdem man dem schwer bewaffneten Polizeigesindel entkommen ist, hat das Spiel nur noch sehr wenig mit Nathan Drake zu tun. Das Spieltempo ist um einiges gemächlicher, es gibt nur noch selten Quicktime Events, und dass man zu zweit unterwegs ist, tut der gruseligen, verlassenen Atmosphäre keinen Abbruch. Freilich hat man kein Silent Hill zu erwarten; und doch kann es in manchen Kellergewölben ganz schön dunkel werden. „Runner“, „Clicker“ und die grotesk-hässlichen „Bloather“ sind Gegnertypen, die einem noch lange nach dem Durchspielen in Erinnerung bleiben werden. Bisher stand Popcornkino über allem geschrieben; nun wird einem allmählich klar, dass sich Naughty Dog zwar selbst zitiert, aber nicht schlecht kopiert hat. Nach wie vor hat man es mit einem linearen Spielerlebnis zu tun – dieses ist jedoch so abwechslungsreich und packend gestaltet, dass sich die anfänglichen Befürchtungen in Luft auflösen. The Last of Us bleibt inspiriert, imponiert und perfekt durchdirigiert. All die Stunden, in denen man sich bei Dead Space 3 oder Tomb Raider über die schalen Filmexplosionen geärgert hat, sind vergessen und vergeben, wenn man merkt, dass die Entwickler den Filmspiel-Einheitsbrei, den sie selbst verursacht haben, mit Leichtigkeit überfliegen. The Last of Us ist ein Erlebnis – aber eben ein richtig gemachtes. Die beiden Hauptfiguren sind glaubwürdig entwickelt und lernen im Verlauf der Geschichte viel voneinander. Tochterersatz, bla; zu viel soll nicht verraten werden, doch das Ende gibt dem Ganzen eine sehr interessante Note. Das einzige, worin sich Naughty Dog in Sachen Figurenfeingefühl vergriffen hat, ist die Gewalttätigkeit. Während es ja noch ganz unterhaltsam und dem rohen Weltgeschehen entsprechend ist, die Infizierten erbarmungslos niederzumetzeln, sind einige Gewaltakte Joels ziemlich unnötig und nur schwer nachvollziehbar. Henker werden ihre Freude haben; Zartbesaitete hingegen beklagen, dass man rohe Schläge gegen absolut Unschuldige auch noch selbst ausführen muss. An solchen Stellen wird man sich von Joel unweigerlich ein wenig entfremdet fühlen. Absicht oder Fehltritt? Das Dilemma hat bei Ellie zum Glück weniger Gewicht. Im Gegensatz zu manchen Befürchtungen bekommt sie genug Screentime. Fans von kleinen Gören werden sich also nicht übergangen fühlen. Na gut – sie hat etwas auf dem Kasten. Da sind die erwachsenen Drittfiguren, die uns manchmal begleiten, geradezu Nebensache.

Cocktails und Waffen

Über die technischen Aspekte des Spiels lässt sich nicht viel sagen. Wie immer bei Naughty Dog bewegt sich die Grafik auf dem höchsten Niveau, und man hat nochmals alles aus der PS3 herausgekitzelt, was möglich war. Die Soundkulisse weiss zu überzeugen, allem voran die Musik, welche öfters ruhige Gitarrenklänge anschlägt. Was das Gameplay angeht, so hat man es geschickt an die Welt angepasst, durch die sich Joel und Ellie schlagen. Viel Schleichen ist angesagt, Wegrennen oder taktisches Verstecken. Die Munition ist wie in anderen Survivalspielen sehr knapp, und allein gegen grössere Gegnerhorden anzutreten, endet fast immer tödlich. Kommt hinzu, dass die Clicker und Bloather einen mit einem Biss töten, wenn man ihnen zu nahe kommt, und sie kommen einem gerne zu nahe. Da hilft es nur, die Viecher mit gezielten Schüssen auf Distanz zu halten. Die Militärs und Räuberbanden sind weniger auf Kuschelkurs, schiessen dafür mit dicken Wummen auf euch. Glücklicherweise existieren neben den Levelschläuchen (die sich fast nie wie Schläuche anfühlen) auch ausgedehntere Schlachtfelder, auf denen viele Deckungsmöglichkeiten stehen. Wie angedeutet, schickt euch The Last of Us zuweilen in dunkle Keller, wo im Gegenzug etwas Klaustrophobie aufkommt. Manchmal muss man sogar durch trübe Gewässer tauchen. Apropos Tauchen: da gibt es ein, zwei Abläufe, die sich etwas zu häufig wiederholen. Zum einen das Floss-Spiel, in dem ihr zuerst nach einem Floss sucht und Ellie daraufhin draufsteigen lässt, um sie zum anderen Ufer zu schippern, und zum anderen das Räuberleiterspiel; das kennt man von Resident Evil 6 ja zu genüge. Der Rest lädt dafür wieder zur Kreativität ein. Oft kann man leere Häuser oder versteckte Winkel durchsuchen, um Gebrauchsgegenstände wie Klebeband, Verbände oder Flaschen zu finden. Damit bastelt man Medipacks, Molotov-Cocktails und Nagelaufsätze für die Nahkampfwaffe. Sind Gegner in der Nähe, findet man auch fast immer etwas zum Werfen; damit werden die Pilze abgelenkt und man kann mit Glück ungesehen an ihnen vorbeihuschen. Auch wenn man zu Beginn viele Tode sterben mag, Frust kommt selten auf. Schuld daran ist die nützliche Autosave-Funktion, die buchstäblich jede Minute speichert, sodass man nur ein paar Schritte zurückgesetzt wird. Das könnte theoretisch zum Problem werden, wenn man alle Munition verschossen hat, der besonnene Spieler wird aber damit umzugehen wissen. In manchen Ecken findet man zudem Werkzeug und Medizin. Mit dem Werkzeug kann man die Waffen upgraden, was aber beinahe nutzlos ist, da die Upgrades keinen grossartigen Vorteil bringen. Die Medizin braucht man, um seine Lebenskraft aufzustocken oder die Geschwindigkeit zu erhöhen, mit der Joel einen Verband bastelt. Wirklich nötig davon ist eigentlich nur die Aufstockung der Lebensenergie. Der Rest ist nicht mehr als ein nettes Gimmick. Insgesamt bleibt das Spielerlebnis immer flüssig, höchstens in der Mitte gibt es ein paar wenige unbedeutenden Längen. Der rohe Faustkampf sieht übrigens gut aus, endet jedoch meistens mit dem Tod. All der Realismus ist toll, hat aber ein Problem: müssen Spiele realistisch sein? Wenn zwischendurch mal wieder das „Spiel“ durchfunkt, fühlt es sich beinahe Fehl am Platz an. Bei Mario Bros. war an sowas noch kaum zu denken. Ein böses Omen für die Spieleindustrie? Na ja. Solange es einen Flammenwerfer gibt, ist man jedenfalls zufrieden.

Fazit

The Last of Us hat den Ruf, eines der letzten grossen Spiele für die PS3 zu sein. Nach ungefähr 12 Stunden des Zitterns, Kämpfens und Schleichens kommt man zum Schluss: Ja, es ist ein grosses Spiel. Vielleicht wirklich eines der grössten auf der PS3. Naughty Dog hat es wieder einmal geschafft, und besonders erfreulich ist, dass sich das Spiel zugleich von Uncharted und co. emanzipiert. Es darf mit Fug und Recht behauptet werden, dass es – wenn auch nicht das Originellste – so doch etwas Eigenes, Eigenständiges ist. Jeder, der auch nur einen Funken für Linearität übrig hat, sollte sich The Last of Us unbedingt ansehen. Ja, selbst jemand, der nur Rollenspiele spielt, könnte Gefallen daran finden. Die Atmosphäre, die Figurentiefe, die Spannung schlägt einen sofort in den Bann und lässt einen so schnell nicht wieder los.

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Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 8. August 2013 um 01:10 veröffentlicht. Er ist unter Reviews abgelegt und mit , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

3 Gedanken zu „The Last of Us

  1. Johannes Marks sagte am :

    Da muss ich dir absolut rechtgeben: In Sachen Charakterglaubwürdigkeit hat Last of us für mich auf jeden Fall eine neue Kategorie eröffnet. Am besten fand ich dabei das sozusagen vorvorletzte Kapitel, das im Winter nach Joels Verwundung spielt. Ich war echt gefesselt. Die Mechanismen des Spiels sind im Grunde ja eher simpel, aber TLOU ist meiner Meinung nach das bislang einzige Spiel auf der Ps3 das in Sachen Handlung und Inszenierung meinem persönlichen alltime favourite heavy rain das Wasser reichen kann.

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