Freies Feld

Flucht aus dem Koloss

Von JÁNOS MOSER.

Der Einzelne in der Videospielindustrie

Beim Wort „Gamedesigner“ kommt wohl so manchem ein bärtiger, hipsteriger Typ mit Wollkappe in den Sinn, der soeben seinen ersten Indie-Plattformer auf Steam veröffentlicht hat und nervös auf die ersten Downloads hofft. Das war nicht immer so. Früher konnte man sich darunter nämlich noch gar nichts vorstellen. Die Gesichter und Namen hinter den Games blieben anonym und tauchten höchstens in den Credits auf, wenn man das Spiel überhaupt schaffte (und dann auch noch als Pseudonym wie „James Banana“ – siehe Castlevania 1). Auf den Plattformen Steam und Kickstarter haben Menschen, die einst in der grauen Masse untergingen, so etwas wie künstlerische Identität erlangt, und das auf einem Gebiet, das lange Zeit von Unterhaltungs-Massenmaschinerie geprägt war. Das ist schon ein grosser Fortschritt. Deshalb wurde darüber auch bestimmt schon viel geschrieben. Wie sieht es aber in der grossen Videospielindustrie aus, diesem scheinbar alles verschlingenden Koloss? Ist es gerechtfertigt, den gesichtslosen Mainstream von einem kreativen, von individuellen Künstlerköpfen geprägten Indiemarkt abzugrenzen? Hat der Mainstream und Massenmarkt nicht auch einzelne unabhängige Entwickler hervorgebracht, die ihre Wege gehen und nicht das tun, was der Markt von ihnen verlangt? Und wenn ja, wo führen diese Wege abseits des Kolosses hin? Sind sie überhaupt abseits? Drei Beispiele aus dem Videospielland schlechthin.

Hideo Kojima

Hideo Kojima ist den meisten als Schöpfer der berühmten Metal Gear-Reihe bekannt. Auch wenn Metal Gear bereits in Eigensache wichtige Innovationen in die Videospielwelt gebracht hat – etwa das taktische Schleichen statt brachiale Gewalt -, hat Kojima damit noch nicht genug. Seit 2015 hat er sich selbständig gemacht, immer wieder sorgt er mit neuen Spielideen für Aufsehen. Das neuste Projekt trägt den geheimnisvollen Namen Death Stranding. Darin sehen wir den nackten, computerisierten Norman Reedus zwischen toten Fischen liegen. Die Film-Spiele von David Cage haben es vorgemacht, Kojima will einen Schritt weitergehen und kollabiert mit Grössen wie Guillermo del Toro. Neue Ideen und Konzepte sollen her. Sein Auftritt an der jüngsten Presseschau (siehe Video) erinnert sodenn auch an die Ankunft eines Technik-Messias. Hier präsentiert sich Kojima als professioneller Werbemann und Entwicklergenie in einem. Was aber erlaubt ihm einen solchen Auftritt, welcher denjenigen des umjubelten Steve Jobs gleichkommt? Zum einen hilft ihm dabei sicherlich die Euphorie einer leicht zu beeindruckenden Gamermasse. Zum anderen kann Kojima auf eine Reihe von Erfolgen zurückblicken, die ihn als Garant für Spielspass und Qualität dastehen lassen, ähnlich wie es in den Neunzigern bei Nintendo als Firma der Fall war. Das „Seal of Quality“ ist nun aber – und das ist das Interessante – scheinbar auf eine einzelne Person übergesprungen und nicht mehr den Schachteln von SNES-Titeln aufgeklebt. Der Grund dafür könnten sein, dass die Videospielindustrie begriffen hat, welches Verkaufspotenzial in im weitesten Sinne „personalen“, emotiononalisierten Beziehungen zu einem Gegenüber steckt; ähnlich hat es z.B. Facebook vorgemacht, welches einen passend zur Tageszeit begrüsst und den Feed auf die eigenen Bedürfnisse zuschneidet. – Das wäre die pessimistische Sicht der Dinge. Ein anderer Grund könnte sein, dass Kojima tatsächlich durch sowas wie sein künstlerisches Können zum Individuum wird. Nun, abgesehen davon, dass hinter Kojima immer auch hunderte von Mitarbeitern stehen, ist das vielleicht etwas optimistisch gedacht. Jedenfalls, wie an den ersten Minuten des Videos erkennbar ist, tritt so ein Popstar auf – nicht aber der Künstler in seiner Klause.

Koji Igarashi

Die Idee, mit welcher Koji Igarashi neuen Wind in die Castlevania-Reihe brachte, war vielleicht nicht so revolutionär, wie sie auf den ersten Blick scheint; werden die Spiele ab Symphony of the Night doch schlicht Metroidvanias genannt, also eine Mischung aus Castlevania und dem Spielprinzip aus Metroid. Das ändert nichts daran, dass Igarashi, der sich seit 2014 ebenfalls selbständig gemacht hat, von Fans wie ein Genie verehrt wird. In Zahlen gesprochen ist er ihnen 5,5 Millionen Dollar wert; genau so viel nahm sein neues Projekt Bloodstained: Ritual of the Night auf Kickstarter nämlich ein. Ein flüchtiger Blick auf das Spiel genügt, und wir wissen: Da ist wieder ein Metroidvania in der Mache. Und trotzdem reisst man sich darum wie ein Pack hungriger Wölfe. Unsinn? Nun, zugegeben, das Promo-Video (siehe unten) macht doch irgendwie Laune. So macht man Werbung. Doch ist jemand, der stets das gleiche tut, so viel Gold wert? So richtig scheint sich Igarashi, nun endlich von Konami unabhängig, noch nicht von seinen Wurzeln gelöst zu haben. Vielleicht will er das aber auch gar nicht, und die grosse Masse der Spieler scheint ihm Recht zu geben. Wie oft haben wir uns nicht wieder mal ein „richtiges“ Castlevania, Resident Evil oder Final Fantasy, produziert von den „richtigen“ Leuten gewünscht? Apropos …

Nobuo Uematsu

Das dritte Beispiel fällt zwar ein wenig aus dem Rahmen, da eigentlich kein Spieleentwickler, sondern ein Videospielmusik-Komponist, trotzdem lässt sich an Nobuo Uematsu eine ebenso interessante Entwicklung studieren. Begonnen hat bekanntlich alles mit seinen Kompositionen für die Final Fantasy-Reihe. Von FF1 bis FF9 hatte Uematsu das Ruder in eigener Hand, für FF10 war er noch Co-Komponist, und seit FF12 steuert er nur noch einzelne Lieder zu den Spielen bei. Und doch hat sich auch Uematsu selbständig gemacht: Im Jahr 2004 gründete er die eigene Firma Smile Please, zwei Jahre später das Musiklabel Dog Ear Records. Abseits seiner FF-Auftragsarbeiten war der „John Williams of Game Music“, wie er auch genannt wird, in kleinere Produktionen involviert, die jedoch wenig Beachtung fanden: beispielsweise Phantasmagoria (1994), eine Easy Listening-CD, und ein Musik-E-Book. Liegt es daran, dass nicht mehr „Final Fantasy“ auf diesen Produkten steht? Vielleicht. Umso erstaunlicher indes, was 2012 passierte. Erstmals erschien Uematsus Name prominent auf dem Cover eines Spiels: The Last Story, produziert von FF-Schöpfer Hironobu Sakaguchi, sollte den Geist von Final Fantasy einfangen. Das ist dem Titel nur teilweise gelungen; was uns aber interessiert, ist Uematsus namentliche Erwähnung auf dem Cover. Diese Ehre haben nicht einmal Filmkomponisten und für westliche Ladenregale ist das absolut ungewöhnlich. Weniger in Japan vielleicht, wo Komponisten wie Koichi Sugiyama längst Kultstatus erreicht haben. Aber trotzdem fragen wir uns: was ist da passiert? Ist The Last Story weniger ein anonymes Firmenprodukt, als vielmehr die Frucht einer magischen künstlerischen Zusammenarbeit? Sind die Bemühungen des 18. Jahrhunderts, dem autonomen Genius sein Recht zu verschaffen, allmählich in die Videospielindustrie eingedrungen? Nun, auch hier könnte man wieder mit dem Verkaufsargument kommen: Wo Uematsu draufsteht, ist eben auch Uematsu drin und das Label wirkt somit als perfektes Lockmittel für zahlungskräftige Kunden. Und doch: obwohl FF-Musik nie den Anspruch hatte, es mit Neuer Klassik aufzunehmen, stand sie schon immer für den Kristallisationspunkt fantastischer Jugendträume, die vielleicht über die eigentlichen Games hinausgingen.

laststoryuematsu

Geglückte Flucht?

Japan ist das Land der Videospielinnovationen. Ob diese gemäss (westlichem?) Künstlerideal von Einzelnen stammen, bleibt fraglich. Nach wie vor steht der Dienst für die Firma im Mittelpunkt. In einem hart umkämpften Markt wie dem der Videospiele bleibt es nur wenigen Auserwählten vorbehalten, den Games ihren Stempel aufzudrücken. Klar ist indes, dass Nintendo, Konami, Capcom usw. ihre jeweils eigene Firmenmarken haben, doch hier ging es gerade darum, zu zeigen, was man denn ohne sie anzufangen weiss. Insgesamt lässt sich sagen, dass die kreativen Köpfe selbst in der Unabhängigkeit auf sichere Hausrezepte setzen. Klar, die Spiele müssen sich irgendwie verkaufen, und wenn das Game ein Flop wird, heisst das unter Umständen das Aus. So wird ein Name wie Uematsu oder Igarashi zwangsläufig selbst zur Marke, welche die Kassen klingeln lässt. Entsprechend schade ist es, dass diese Köpfe, wenn sie mal etwas wirklich eigenes hervorbringen, entweder scheitern oder nicht an das Niveau ihrer Industriearbeiten heranreichen – oder ihren Erfolg ganz einfach dazu nutzen, ein PR-Spektakel zu veranstalten. Vielleicht ist das der Lauf der Dinge: wer einmal im Magen des Kolosses gelandet ist, kommt nicht so schnell wieder heraus. Das muss ja aber nicht immer etwas Schlechtes sein. Oder?

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Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 6. März 2017 um 22:11 veröffentlicht. Er ist unter Gedanken abgelegt und mit , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

2 Gedanken zu „Flucht aus dem Koloss

  1. Pingback: Lesenswert: Doom Coverart, freie Starentwickler, Horizon: Zero Dawn / Hörenswert: Jump’n’Runs | SPIELKRITIK.com

  2. Lord Grizzly sagte am :

    Hidetaka Miyazaki wäre auch ein super Beispiel (Dark Souls Macher). Die Fans verehren Ihn und sobald sein Name draufsteht muss es genial sein.

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