Freies Feld

Beyond Good & Evil

Von JÁNOS MOSER.

Videospiele sind laut, hart, stupide, brachial und übersexualisiert, so das gängige Vorurteil. Schaut man ins Ladenregal, scheint diese These durch zahllose Call of Duty-Ableger, Weltraumshooter und Actionspiele mehr als bestätigt zu werden. Und doch gibt es immer wieder Spiele, die es sich laut Kritikermeinung zur Aufgabe gemacht haben, sanftere Töne anzuschlagen und zur Freude optimistischer Spieleverfechter der ganzen Welt zu zeigen, dass das Medium mehr ist als nur Haudrauf-Gekloppe mit knapp bekleideten Frauen. In der letzten Konsolengeneration waren dies Titel wie Okami, Ico, Shadow of the Colossus – oder Beyond Good & Evil, das dank sympathischen Charakteren und guten Ideen schnell zum Kultspiel aufgestiegen ist. Wie viele „Klassiker“ wird es seit einiger Zeit im PSN-Store zum Spottpreis feilgeboten. Grund genug für den neugierigen Retrogamer, sich das Spiel einmal genauer anzusehen. Ist an dem ganzen Hype um den Verkaufsflop etwas dran? Oder haben uns smarte Schnurrbartträger (oder schlimmer: Aliens) einen falschen Messias angekündigt, der von der Masse der Shooterfans zu Recht „nicht verstanden“ worden ist? Ein Blick über Jades Schulter, taffe Reporterin und Hoffnungsträgerin im Kampf gegen Dead or Alive-Wackelbrüste, wird uns – Schnappschuss! – erleuchten.

Leuchttürme und Raumschiffe

Anrührend: die erste Aufgabe, die einem Beyond Good & Evil anvertraut, ist das Verkloppen von Aliens mit einem Kampfstab. Natürlich für eine gute Sache: diese wandelnden Sarkophage haben arme Waisenkinder entführt. Das kann Jade, Schutzbefohlene über die verlorenen Seelen, nicht auf sich sitzen lassen. Leider stellt sie sich dabei nicht allzu geschickt an, aber das ist auch gut so, denn was gibt es für eine bessere Gelegenheit, um ihren fetten Schweineonkel und Begleiter Pey’j einzuführen? Gut, hilft er uns beim folgenden Bosskampf aus der Patsche. Nachdem alles wieder in Lot ist, beschauen wir uns erst einmal das schöne Plätzchen – ein Leuchtturm auf dem Planeten Hillys – und schiessen ein paar Fotos von Tieren, um Kohle einzusacken; damit wären auch schon zwei Gameplayelemente eingeführt. Hillys ist ein kleiner Wasserplanet, der von den DomZ, den zuvor erwähnten Aliens, unter Beschuss steht. Die sogenannte Alpha-Abteilung, eine Soldaten-Spezialtruppe, scheint die Invasion zu bekämpfen. Allerdings sieht schon die Hackfresse des Oberhauptes nicht wirklich koscher aus und diese Blechbüchsen sind einem einfach nicht sympa – so viel zur Frage, wer hier gut und wer böse ist. Trotzdem bietet die Geschichte des Spiels im späteren Verlauf so einige Wendungen und bleibt spielenswert. Unter anderem verschlägt es Jade in revolutionäre Untergrundkreise, wo sie für eine Zeitung arbeitet. So besteht denn auch die Hauptaufgabe des Spiels darin, verschiedene einladende Ortschaften wie Schlachthäuser oder Fabriken aufzusuchen und die Verschwörung der Alpha-Abteilung aufzudecken. Wie es sich für anständigen Sensationsjournalismus gehört, tun wir das mit gezielten Beweisfotos, die wir an eine Gouverneurin, einen Redakteur oder wenauchimmer schicken. Da Jade nicht allzu viel auf dem Kasten hat, ist dabei meist Schleichen statt Kämpfen angesagt. Wir lösen (Team)Rätsel, und wenn wir Glück haben, treffen wir ab und zu die Schwachstelle der Wachen, ein grosser, grüner Tank auf ihrem Rücken (praktisch!). Wenn nicht, es es ziemlich schnell aus, denn die Gegner schlagen hart zu. Den Rest der Spielzeit verbringt man damit, die erwähnten Tierfotos zu schiessen, Rennen zu fahren, durch die Hauptstadt zu spazieren, Minispiele zu spielen, Plünderer zu verfolgen oder Perlen zu sammeln. Diese sind nötig, um das Hovercraft aufzurüsten, mit dem man über die Gewässer des Planeten von Mission zu Mission düst. Hat man genug davon gesammelt, lässt sich ein Sprungkit, ein Düsenzusatz oder sogar ein Sternenantrieb für ein Raumschiff kaufen, das man später im Spiel erhält. Jade selbst kann sich in Shops zusätzliche Lebensenergie erwerben oder diese sich an speziellen Punkten schnappen. Ausserdem bekommt man einen Perlen- oder Tierdetektor und darf sich verschiedene Zeitungen abonnieren lassen.

Tücken

Bislang klingt das ja alles ganz gut – doch wie wurde dieser Mix aus Diddy Kong Racing, Metal Gear Solid und Pokémon Snap umgesetzt? Schon damals hielten gewisse Tücken das Spiel von Spitzenwertungen ab und das Alter hat sich nicht positiv ausgewirkt: Die bockige Kamera in engen Räumen stört seit Vorzeigebeispielen wie GoW noch mehr und die träge Steuerung des Hovercrafts sorgt vor allem in den Rennen für graue Haare. Und wenn wir ehrlich sind: So ganz revolutionär, wie viele behaupten, war das Gameplay von Beyond Good & Evil schon bei seinem Erscheinen nicht. Das Managen der Items erinnert an Zelda, und wenn man das Hovercraft durch einen Drachen ersetzen würde, wäre man auch von Arokh nicht weit entfernt. Was hingegen das Setting angeht, funktioniert Copy & Paste bei weitem nicht. Rayman-Schöpfer Michel Ancel ist mit Jade, Pey’j, Agent Double „H“ (dem dritte im Bunde) und Planet Hillys eine Meisterleistung gelungen. Wie zu Recht behauptet, bewegt sich Beyond Good & Evil weit abseits vom testosteron- und östrogengetränkten Mainstream, überzeugt durch Witz und Humor – wenn auch nicht immer ganz freiwilligen. Dazu gehören kuriose Bugs, die Jade im schwarzen Nimmerland verschwinden lassen, peinliche (bis hin zu trashigen) Sprachsamples der Wachen oder hängenbleibende Begleiter (welche dabei auch noch sehr unlustige Sprüche von sich geben). Aus heutiger Sicht betrachtet nerven auch die unregelmässig verteilten und umständlich zu benutzenden Speicherpunkte, die relativ kleine Spielwelt mit wenig Erkundungsmöglichkeiten, die manchmal unlogischen Verhaltensweisen der Charaktere und die kurze Spielzeit von 8-9 Stunden. Ein paar der emotionaleren Szenen im Storyverlauf fühlen sich ausserdem zu holprig und aufgesetzt an, um wirklich zu berühren. Letzten Endes können einem diese Ausrutscher den Genuss der tollen Ortschaften jedoch nicht vermiesen. Die Anblick der Hauptstadt mit ihren fliegenden Autos über dem Wasser, die Bar à la Star Wars Episode IV, der Trip zum Mond (FFIV lässt grüssen) sind Dinge, die einem noch lange nach dem Durchspielen im Gedächtnis bleiben werden. Bezüglich Grafik müssen nicht viele Worte verloren werden: Klar ist, dass man es trotz HD-Format mit einem PS2-Spiel zu tun hat, und Entsprechendes hat man von den Animationen und den Texturen zu erwarten. Nicht unerwähnt bleiben darf der tolle Soundtrack, der auch ausserhalb des Spiels hörenswert ist und mit seinen treibenden Rhythmen und den Streichern einiges zu bieten hat. Wer aufmerksam genug ist, darf sich zudem an ein paar Hommagen an die Figur Rayman erfreuen.

Nachfolger

Trotz Schwächen bleibt Jade ein gutes Beispiel für eine liebenswerte Hauptfigur in einem Videospiel. Es müssen nicht immer Point’n’Click-Adventures sein, die dem Rest in Sachen Glaubwürdigkeit voraus sind. Genau so wenig, wie fette (oder freizügige) Rüstungen und dicke Knarren ein gelungenes Spiel ausmachen. So ganz wird das Spiel seinem Hype jedoch nicht gerecht – dazu ist es wohl einfach ein bisschen zu schlecht gealtert, und der Titel hält ja auch nicht wirklich das, was er verspricht (armer Nietzsche). Gute Unterhaltung bietet er aber allemal. Und wer wegen dem Cliffhanger am Ende immer noch auf einen Nachfolger hofft: Der soll laut Gerüchten auf der PS4 bzw. Xbox 720 erscheinen.

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Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 5. Mai 2013 um 12:58 veröffentlicht. Er ist unter Reviews abgelegt und mit , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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