Gastbeitrag von MATTHIAS HASLER.
Wie vielleicht viele, die auf FreiesFeld unterwegs sind, bin ich ein Kind der Neunziger. Und zum ersten Mal kam ich mit dem Medium Videospiel auch in den Neunzigern in Kontakt. Als ich fünf Jahre alt war, kam mein jüngster Bruder auf die Welt – und meine Eltern hatten eine solche Freude, dass sie mir und dem mittleren Bruder ein grosses Starterpack mit dem Gameboy kauften. Fünf Gamemodule waren direkt dabei. Und ich war als Fünfjähriger so fasziniert – ich hatte ja vorher keine Ahnung, dass so etwas überhaupt existierte.
Einige Jahre später sahen wir dann in der Vorweihnachtszeit auf Super RTL eine Werbung für den Nintendo 64. Sie zeigte Mario Kart und wie verrückt und spassig dieses Spiel war. Der Hype für uns Kinder war real, wir mussten das zu Weihnachten haben. Und wir bekamen es auch, zusammen mit Super Mario 64. Und so hatte ich, wie Millionen andere auch, etwas zeitversetzt, noch den magischen Moment, wo man von 2D-Spielen zu Super Mario 64 wechselt und das erste Mal in 3D in dem Schlossgarten herumhüpft. Und es war eine schöne Zeit, wo ein Spiel noch etwas Besonderes war. Wo man nicht nur Spiele zu Weihnachten oder zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, sondern auch Spiele von Schulkameraden, Freunden oder der Familie auslieh. Und das ist ehrlich gesagt etwas, was ich bis heute pflege, Spiele innerhalb der Familie oder des Freundeskreises auszuleihen – oder an Weihnachten zu schenken.
Wir sind dann als Familie Nintendo nicht zwingend treu geblieben, die letzte Konsole, die wir gemeinschaftlich als drei Brüder anschafften, war die PS2. Und bei mir ist das Muster dann etwa gleich wechselhaft gewesen. Als der Gamecube gefloppt war, kaufte ich ihn mir noch günstig und alle wichtigsten Spiele dazu. Danach hatte ich eine Phase, wo ich langsam arbeiten gehen musste und daher gar nicht mehr so viel Zeit zum Spielen hatte. Irgendwann wurde dann aber die Wii in meinem Umfeld populär und ich kaufte sie mir. Allerdings war ich schon rasch von der Spielebibliothek enttäuscht. Alle Spiele, die ich gerne gehabt hätte, sind auf der Wii nicht erschienen oder drohten während Jahren Japan-exklusiv zu enden. Und eine PS3 wollte ich mir wegen des Preises nicht kaufen. Und so kam ich auf die Idee, mir nicht mehr Wii-Spiele zu kaufen, sondern PC-Spiele.
Ich bestellte daher beim Onlinehändler meines Vertrauens keine Wii-Spiele mehr, sondern PC-Spiele. Und fasziniert stellte ich fest, dass sich die Welt verändert hatte. Ich hatte schon als Kind hie und da PC-Spiele gespielt. Aber weil ich mit chronisch schlechten PCs aufgewachsen bin, konnte ich dort kaum etwas Besseres als RollerCoaster Tycoon oder Age of Mythology spielen. Und jetzt hatte ich mir eine Auswahl von Spielen gekauft, die einerseits in eine ähnliche Richtung gingen, aber andererseits erstmals auch etwas anspruchsvoller waren. Und zu meiner Überraschung kamen die Spiele auch nicht einheitlich an. Die meisten Spiele kamen als ein Code in a Box an, weshalb ich mir kopfkratzend einen Steam-Account anlegte. Andere Spiele kamen noch auf DVD und das sogar ohne Kopierschutz. Und so spielte ich eine Weile meine Spiele auf dem PC und setzte mich auch das erste Mal mit Mods auseinander. Ich kaufte sogar einen besseren PC, damit die Spiele besser liefen. Allerdings hatte ich damals noch keine Möglichkeit, Spiele auf Steam direkt zu kaufen, und nach einer Weile verlor ich erneut das Interesse am Zocken.
Etwa fünf Jahre später nahm mein berufliches Leben eine Wendung und als Reaktion darauf kaufte ich mir recht spontan eine PS4. Und mit der PS4 war ich sehr glücklich, es ist bis heute eine meiner liebsten Konsolengenerationen. Das lag allerdings gar nicht unbedingt an Sony selber, viel mehr liebte ich die Formsoftware-Spiele und auch Witcher 3. Die Spiele kaufte ich mir wieder mehrheitlich physisch, irgendwie war es sehr erfrischend wieder wie früher ein echtes Spiel in der Hand zu halten, statt einfach einen Code einzugeben.
Etwas später kaufte ich mir dann noch eine Switch, fast fühlte es sich ein wenig so an wie beim Gamecube, den ich auch erst recht spät in seiner Lebensphase noch mitgenommen hatte. Und während ich die Switch anfangs sehr mochte, wurde ich aber relativ schnell ernüchtert. Meine liebsten Spielereihen wie Zelda oder Fire Emblem hatten sich auf der Switch stark verändert, und ich mochte es nicht wirklich, wie sehr sie sich verändert hatten.
Weil ich mit der PS4 sehr zufrieden war, kaufte ich mir eine PS5. Es war etwa ein Jahr nach der Veröffentlichung. Und das Highlight auf der Konsole war für mich sicher Elden Ring. Aber abseits von Elden Ring blieb doch eine etwas bizarre Leere zurück. Zwar hatte ich sehr viele Third-Party-Spiele gekauft – insgesamt mehr Spiele als auf der PS4 – aber bis heute hält sich ein komisches Gefühl in mir. Bis heute warte ich auf den Moment, wo diese Konsolengeneration endlich anfängt gut zu werden. So gut wie die PS4 war. Aber es wird wohl nicht mehr kommen; Sony drängt darauf, die PS6 laut Gerüchten nächstes Jahr zu veröffentlichen.
Als Fan von Retrospielen habe ich mir einen Analogue Pocket und einen Analogue 3D gekauft und ich liebe es tatsächlich, die alten Spiele wieder an meinem Fernseher zu spielen. Vor allem die Spiele, die im Laufe der Zeit verloren gingen oder keine Neuauflage erhalten haben, wie Donkey Kong 64 oder die Golden Sun-Teile. Auch die Rare-Spiele sind natürlich immer einen Ausflug wert. Kurzum: Ich bin sehr glücklich, dass ich eine physische Sammlung habe, und ich denke durch die technischen Entwicklungen der letzten Jahre wird das auch als Konsument immer interessanter, eine solche Sammlung zu… besitzen.
Warum hole ich so sehr aus in der Einleitung? Zum einen um zu sagen, dass ich während dieser Zeit fast immer Konsolen mit physischen Datenträgern gekauft habe und ich durchaus bewusst wieder dazu zurückgekehrt bin. Und zum anderen, weil ich zeigen möchte, dass ich auch schon immer zwischen Nintendo und Sony hin und her gewechselt bin. Wenn mir eine Konsole nicht mehr gefiel oder ich davon ausging, dass mir eine Konsole nicht gefallen würde, dann wechselte ich den Anbieter. Und wenn mir beide Konsolen nicht gefielen, wechselte ich auf den PC. Und vermutlich werde ich damit nicht alleine sein.
Das lapidare Aus der physischen Medien
Springen wir mal in den Juli 2026: Sony hat in einem eher selbstgefälligen Blogpost mal eben das Ende der physischen Medien per Januar 2028 angekündigt. Dabei ist jedes Detail darin besonders abgewogen. Das Ende per Januar 2028 liest sich natürlich weiter entfernt als das vermutlich reale Aus per Ende 2027. Auch ist der Ton sehr selbstlos: Wir als Sony möchten ja nur das präferierte Konsumverhalten der Spieler adaptieren. Unsere Kunden wünschen nur noch Onlinekäufe, daher müssen wir das jetzt so machen. Wer eine PR-Schule besucht, dürfte diesen Post vermutlich zukünftig studieren dürfen, denn selten wirkte eine PR-Mitteilung so konstruiert. Sie kam mit mehr als 100 Millionen Views auf eine etwas grössere Reichweite als die PS5 selbst, die sich laut aktuellen Schätzungen rund 94 Millionen Mal verkauft hat. Und es gab etwa 1000 Likes.
Zahlen hin oder her: Die Fans laufen Sturm. Und nicht nur wegen dieses einen Posts. Zeitgleich mit der Ankündigung, die Produktion physischer Spiele einzustellen, verkündete Sony auch, dass der PS3- und der PS Vita-Store dicht gemacht wird, und betonte dabei, dies nach zwei Jahrzehnten wohlverdient tun. Und das ist auch gar nicht der springende Punkt, sondern die kleine Randnotiz, dass Spieler nach dem Abschalten des Shops ihre Download-Titel für die «absehbare Zeit» noch herunterladen können. Was ist eine «absehbare Zeit»? Für mich ist das eher ein kurzfristiger Begriff und schön vage, damit man die Wahrheit nicht explizit ausdrücken muss. Und bekanntlich schaffte es Sony gleich noch ein drittes PR-Desaster gleichzeitig zu produzieren: Rund 550 Filme, die man im PS Store hatte kaufen können, werden aus den Bibliotheken der Käufer entfernt; Kompensation oder Rückerstattung gibt es selbstverständlich keine. Auch bei Amazon gab es schon Fälle, wo Filme aus Lizenzgründen aus der Bibliothek entfernt wurden – aber hier gab es automatisch eine Rückerstattung für die Kunden. Nebenbei ging eine vierte Meldung fast unter: In einem internen Q&A sprachen die Verantwortlichen von Sony nämlich über ihre Abomodelle. Sony ist sehr zufrieden mit der Entwicklung der Abozahlen. Sie konnten den Anteil des Premium-Abos von 38% auf 40% steigern. Gleichzeitig möchten sie aber zukünftig die Rentabilität pro Benutzer steigern – das bedeutet Preiserhöhungen. Ganz genau, in jenem Moment, wo Sony die Digital-Only-Zukunft ausruft, sickert eine zukünftige Preiserhöhung durch. Abgesehen davon kann man alle digitalen Käufe verlieren, wenn Sony denn will. Sind sich die Firmenchefs nicht bewusst, was sie hier für ein Bild abgeben – oder ist ihnen das egal?
Sony kann sich aber durchaus die Hände reiben. Was hat sich die Firma nicht für ein schönes System geschaffen mit dem Aus der physischen Spiele und dem damit verbundenen Wettbewerb um den Käufer. Die überhöhten Preise im PS-Store sorgen dann dafür, dass ärmere Leute dazu getrieben werden, das Abo-Modell zu nutzen. Und je länger man im Abo-Modell ist, desto mehr Spiele «sammelt» man, die man nur mit dem Abo-Modell spielen kann. Je länger man somit Abonnent ist und je mehr man sich auch auf die Spiele stützt, die man dadurch «erhält», desto schmerzhafter wird also das Ende des Abos. Und man darf dabei nicht naiv sein: Das Ende des Abos wird für alle irgendwann im Leben kommen. Die Frage ist dann nur, wie viel Geld man ausgegeben hat, um am Ende mit Nichts da zu sitzen.
Bei demselben, internen Q&A sprach Sony übrigens auch darüber, wie sie die Spieler zurückholen möchten, die sie an den PC verloren hätten. Während Corona, so glaubt Sony, hätten sie ja viele Spieler an den PC verloren. Und wenn man sich anschaut, wie viele PS4-Besitzer auch eine PS5 gekauft haben, dann ja, dann es ist faktisch korrekt, dass Sony nicht alle zu einem Wechsel hat motivieren können. Sony sprach dann darüber, wie sie die Leute mit neuen Peripherie-Geräten begeistern möchten, um sie wieder heim zu holen. Die Verantwortlichen haben offenbar so viele Dollarzeichen auf den Augen, dass sie die Realität nicht mehr erkennen können.
Und da wäre auch das Datum der Ankündigung am 1. Juli – gerade zu Beginn von Sonys zweitem Quartal des Geschäftsjahres. Allfällige finanzielle Einbussen müssten somit erst Ende Oktober / Anfangs November eingestanden werden. Anfangs November erscheint GTA VI und dürfte die mediale Berichterstattung auf sich konzentrieren. Selbst wenn Sony etwas eingestehen müsste, wären die Millionen verkauften GTA-Spiele auf der PS5 die präsentere Schlagzeile.
Auffällig ist sowieso schon, was für eine Rolle GTA VI in der ganzen Story spielt. Kurz bevor Sony den Post zum Stopp der Produktion der physischen Spiele veröffentlicht, kündigt Rockstar an, dass GTA VI keinen physischen Release im herkömmlichen Sinn erhalten wird. Es wird nur einen Code in a Box geben, welche sich laut verschieden Medienberichten gar nicht mal so gut verkaufen. Das ist zufällig auch der Weg, wie Sony in Zukunft „physische“ Releases abwickeln möchte. Die zeitliche Abfolge dieser Ankündigungen wirkt passend, und ob es wirklich eine Abstimmung zwischen diesen Firmen gab, ist am Ende nur Spekulation und vermutlich nicht mal relevant. Es ist aber trotzdem bemerkenswert, dass ausgerechnet eines der am stärksten erwarteten Spiele des Jahrzehnts die Käufer schon mal gedanklich und emotional auf die Zukunft bei Sony „vorbereitet“ hat.
Der Wert der physischen Spiele
Dass Sony diesen Schritt gehen würde, war schon klar. Schon länger gibt es Gerüchte, dass die PS6 kein Laufwerk mehr anbieten würde, auch nicht mit der Möglichkeit, es nachzurüsten. Damit habe ich schon gerechnet. Womit ich aber nicht gerechnet habe, ist die Tatsache, dass Sony es so forciert. Es ist das eine, wenn die PS6 von Anfang an keine physischen Medien mehr unterstützt. Aber es ist etwas anderes, wenn man der PS5 in ihrer Endphase diese Medien wegnimmt. Die Übergangsphase von der PS4 zur PS5 war lang, viele Spiele sind für beide Generationen erschienen. Das ist auch ein Grund, warum die PS5-Phase bis heute noch nicht so wirklich angefangen hat. Der Übergang auf die PS6 dürfte für viele aber damit deutlich härter sein. Es wäre für Sony wohl unter dem Strich besser gewesen, die PS6 ohne Discs zu gestalten, aber die PS5 bis an ihr echtes Lebensende noch zu unterstützen. Dass die digitale Distribution an Wichtigkeit gewonnen hat, bestreitet niemand.
In ihrer Mitteilung belegte Sony das gleich auch mit einem Totschlagargument: Der physische Markt sei ohne Zukunft und die Konsumenten wollten es so. 85% ihrer Gameverkäufe seien online, nur eine kleine, vernachlässigbare und unbelehrbare Minderheit von 15% hänge noch an den Discs. Diese Zahl von 85% wurde von zahlreichen Medien und Influencern wiederholt – allerdings kaum hinterfragt. Wie setzt sich diese Zahl zusammen? Sind da auch DLCs enthalten? Und ist es nicht logisch, dass in einer Zeit, wo nicht mehr alle Spiele physisch oder höchstens als Limited Run erscheinen, dass sich eine Mehrheit für die digitale Version «entscheidet»? Viele physische Versionen erscheinen heute ja auch zum Beispiel Monate nach dem Release im PS-Store, besonders wenn es sich um Spiele von Drittherstellern handelt. Das ist etwas, das in den letzten Jahren immer öfter vorkam. Ausserdem sind auf der Playstation auch grosse Spiele von Microsoft ohne einen physischen Release erschienen.
Ist dieser Anteil von 85%, sofern er überhaupt stimmt, wirklich auf «Kundenbedürfnisse» zurückzuführen und nicht vielmehr auf die Marktbedingungen, welche bewusst in diese Richtung drängen? Eine fairere Betrachtung würde sich ergeben, wenn man nur Spiele vergleicht, die auch einen physischen Release erhalten. Und hier zeigt sich ein anderes Bild, sogar von Sony selbst. Letztes Jahr wurden auch Verkaufszahlen geleakt und die waren nach Verkaufsart aufgeschlüsselt. In diesen Insomniac-Leaks zeigte sich, dass sich die grössten Sony-Produktionen physisch besser verkauften als digital. Das Remake von Demon’s Souls soll sich laut diesem Leak etwa zu 70% physisch verkauft haben, während nur rund 30% auf die digitale Version entfielen. Auch unabhängige Studien zeigen ein differenzierteres Bild: Während in den USA Spiele mehrheitlich digital gekauft werden, werden sie in Japan noch immer vor allem physisch gekauft (allerdings ist die PS5 in Japan nicht mehr so relevant wie die Vorgängerkonsolen). In Europa ist das Bild uneinheitlicher. In Deutschland kam eine Studie vor zwei, drei Jahren zum Schluss, dass auf der Playstation 5 bei einer Neuerscheinung knapp mehr Leute physisch kaufen als digital und bei der Switch 1 eine deutlichere Mehrheit.
Dass Sony hier keinen Rückzieher machen wird, ist klar. Sie haben sich entschieden und diesen Entscheid kommuniziert und seitdem schweigen sie, weil sie das Ganze aussitzen wollen. Hätten sie nur mal schauen wollen, wie der Markt reagiert, dann hätten sie das anders gemacht. Und es geisterte auch die Meldung herum, dass die Fabrik in Österreich, welche die Rohlinge herstellt – rund 600’000 Stück am Tag (was natürlich nur 15% der Gameverkäufe ausmacht) –, bereits umgerüstet sei für eine Zeit nach der Blu-Ray-Produktion für die Playstation.
Einen Blu-Ray-Rohling herzustellen kostet wenige Cents, die Plastik-Verpackung wird auch kaum ein Vermögen kosten. Die Kosten, die durch diesen Schritt gesenkt werden, sind gering. Das wird nicht die Motivation sein, warum Sony diesen Schritt macht. Vielmehr scheint es der Wunsch nach Kontrolle zu sein. Wenn Sony es schafft, die Verkäufe aller Playstation-Spiele in ihrem eigenen Store zu bündeln, dann können sie alleine die Preise gestalten. Es gibt keinen Wettbewerb mehr, den sie dabei beachten müssen (was sie ja zugegebenermassen schon heute nicht machen. Ein Spiel im PS5-Store kann digital schon heute 79 Euro kosten, aber als physische Version nur rund die Hälfte). Ausserdem wird nebenbei auch der Gebrauchtmarkt ausgeschaltet. Der war vielen Konsolenherstellern und auch Publishern schon seit Jahren ein Dorn im Auge.
Dabei geht natürlich viel verloren. Physische Medien sind nicht perfekt – ja, die Gamingindustrie hat sich alle Mühe gegeben, diese auszuhöhlen – aber sie haben noch heute einen Wert. Noch heute kann man Spiele dadurch einander ausleihen. Und es ist möglich, auch noch Jahre später die Version 1.0 von Spielen erneut zu spielen. Elden Ring, Witcher 3 oder Cyberpunk 2077 kann ich alle, wenn ich das möchte, in der Urversion spielen. In einem reinen Online-Markt wird das nicht mehr möglich sein, Urversionen von Spielen zu rekonstruieren. Und es hört damit nicht auf. Viele Spiele, welche auf alten Konsolen erschienen, sind heute nur noch über das physische Medium spielbar (oder aber als Rom). Viele Leute kaufen Spiele auch, um sie danach weiterzuverkaufen und sich mit dem Erlös wieder ein neues Spiel kaufen zu können. Auch das wird nicht mehr möglich sein. Sony erhofft sich hier natürlich, dass diese Leute stattdessen alle Spiele brav im Store kaufen, aber das wird vermutlich nicht passieren. Diese Leute werden dann einfach weniger Spiele spielen können.
Und noch eine weitere Fraktion bringt Sony gegen sich auf. Die Hardcore-Fans, die vielleicht wie ich seit Jahren eine physische Sammlung aufgebaut haben und viel Geld darin investiert haben. Dieses Hobby ist jetzt einfach fertig – nichts kann man dagegen tun. Manche werden wohl oder übel halt die digitalen Vertriebswege in Kauf nehmen müssen. Viele Leute haben aber in langen Posts oder Youtube-Videos aber auch klargestellt, dass sie den Endpunkt erreichen werden. Dass sie mit Sony nicht mitgehen werden. Und das könnte bedeutender sein, als es zunächst wirkt: Eine Studie, welche breit diskutiert wurde, fand vor einiger Zeit heraus, dass über die Hälfte aller Gamer maximal 2 Spiele im Jahr kauft, während nur rund 4% aller Gamer zwei oder mehr Spiele pro Monat kaufen – und das dürften nicht ausschliesslich, aber doch zu grossen Teilen auch solche Sammler sein. Geht man davon aus, dass die Mehrheit der Gelegenheitskäufer zwei Spiele pro Jahr kauft, erzeugen diese 4 % bereits rund 80 % des Umsatzes der 60-%-Gruppe. Kaufen die Gelegenheitskäufer durchschnittlich weniger als zwei Spiele, erreichen oder übertreffen die Vielkäufer deren Umsatz sogar. Jeder, der zu diesen 4% gehört und sich von Sony abwendet, wird für Sony finanzielle Konsequenzen haben.
Eine positive Entwicklung hat das Ganze für mich als physischen Sammler allerdings schon. Die Auflagen von vielen physischen Spielen waren gering – und oftmals schon zum Release ausverkauft. Daher musste ich viele Spiele, die ich physisch kaufen wollte, vorbestellen und die Day-One-Preise zahlen. Das wird komplett wegfallen. Für mich gibt es dann keinen Grund mehr, warum man bei Neuerscheinungen die Mondpreise zahlen sollte. Erfahrungsgemäss lohnt es sich digital eher, einen Sale abzuwarten, weil das Spiel dann nicht nur kompletter ist, sondern auch zu einem anständigen Preis angeboten wird.
Wer will noch eine PS6?
Was sind die herausragendsten Merkmale einer Konsole? Während Jahrzehnten war die Antwort hier einfach: Man kauft die Konsole, man kauft das Spiel und legt es in die Konsole rein und schwupps, kann man spielen. In neueren Zeiten kam natürlich noch der obligatorische Day-One-Patch dazu. Sony jedoch möchte das ändern. Eine Playstation bietet kein Plug’n’Play mehr, dafür aber ein eigenes Ökosystem. Allerdings müssen auch die Konsumenten die Rechnung neu durchführen. Welchen Mehrwert bietet eine PS6 ohne physisches Laufwerk noch? Die PS6-Fassung von The Last of Us für 89 Euro? Die vielen tollen Live-Service-Games von Sony? Die vielen einstmals tollen Studios, die sie damit heruntergewirtschaftet oder gar geschlossen haben? Der CEO von Sony erklärte kürzlich in einem Interview, dass das Thema Live-Service-Game für Sony noch nicht abgeschlossen sei. Dabei hätte er durchaus die Gelegenheit gehabt, sich mit der Tatsache vertraut zu machen, dass der Bedarf an solchen Spielen gar nicht so gross ist wie die theoretische Möglichkeit, damit Milliarden zu verdienen.
Wenn es, abseits von der Switch 2, keine physischen Spiele mehr gibt, warum sollte man dann noch zu einer PS6 greifen? Die Kosten für eine solche Konsole dürften hoch sein und mit etwas mehr Geld wird man sich sehr wahrscheinlich auch einen etwas leistungsfähigeren PC zusammenstellen können. Und auf dem PC gibt es gegenüber den Sony-Konsolen einige Vorteile: Der erste Vorteil ist Wettbewerb. Es gibt dort keinen Monopol-Anbieter, man kann sich aussuchen, ob man bei Steam, dem Epic Store, GOG oder warum auch immer bei Amazon einkaufen möchte. Und auf der führenden Plattform Steam selbst gibt es ebenfalls Wettbewerb. Verschiedene Spiele von verschiedenen Herstellern und Publishern stehen dort in Konkurrenz zueinander, was für tiefere Preise sorgt. Ein weiterer grosser Vorteil ist, dass es auf dem PC keine Konsolengenerationen gibt. Auf Steam kann man sich immer noch Spiele von zum Beispiel 2010 kaufen, und die meisten davon funktionieren noch irgendwie, während man bei Sony, wenn überhaupt, u.U. ein Abomodell nutzen muss, um noch auf solche Spiele zugreifen zu können. Der PC ist somit die leistungsfähigere und konsumentenfreundlichere Alternative zur PS6 – egal was die dort für fancy Peripherie-Geräte à la Switch 2 raushauen werden. Und der preisliche Abstand zwischen PS6 und dem PC dürfte ebenfalls geringer werden. Wenn man schon auf die Only-Digital-Zukunft zugehen muss, dann sollte man zumindest eine Variante wählen, die einem als Konsument möglichst viel Unabhängigkeit und Langfristigkeit bietet.
Und wenn die PS6 wirklich so teuer wird, wie das allgemein erwartet wird, dann wird Sony so oder so viele Käufer verlieren. Für Gelegenheitsspieler, die sich pro Jahr ein bis zwei Spiele kaufen, muss sich der Erwerb einer solchen Konsole ja ebenso lohnen wie für die Familie, die auch nicht unendlich viel Geld zur Verfügung hat.
Das Feld der potenziellen PS6-Käufer verengt sich zunehmend auf die Zielgruppe der nicht preissensitiven Playstation-Enthusiasten. Davon wird es viele geben, aber nicht so viele wie die heutigen PS5-Besitzer. Und wer sich wirklich an Sonys Ökosystem binden sollte, der darf nicht naiv sein. Sony hat seine Umsatzerwartungen für die PS6 und wenn diese Erwartungen nicht realisiert werden, dann wird der Druck auf Sony halt steigen, Entscheidungen zu treffen, welche zu den gewollten Ergebnissen führen. Der Umsatz pro Nutzer müsste erhöht werden. Wenn sich die PS5-Nutzerbasis nicht genügend in PS6-Benutzer konvertieren lässt, dann müssen die PS6-Spieler vermutlich die fehlenden Käufer mitfinanzieren.
Was also bietet Sony dann noch an, was es woanders nicht besser gibt, ausser dem Namen Playstation?
Lohnt sich der Widerstand?
Lohnt es sich, hier Widerstand zu leisten? Sony wird vermutlich nicht auf die Spieler hören. Sonys Marktanteil beträgt je nach Land überwältigende 80%. Diese Entscheidung werden sie durchziehen. Vielleicht rudern sie irgendwann so halbwegs zurück und erlauben Drittherstellern noch ihre Spiele physisch zu erstellen, aber grundsätzlich ist es seit Jahren die Strategie von Sony, diese Monopol-Stellung zu erreichen.
Dass sich der Widerstand lohnt, zeigt allerdings Nintendo. Der Aufschrei war gross, als Nintendo die Gamekey-Card einführte. Viele Leute sahen darin einen ersten Versuch, physische Spiele abzuschaffen. Und es blieb nicht nur beim Aufschrei: Viele Gamekey-Cards werden geradezu verramscht, weil sie niemand kaufen möchte. Nintendo hat reagiert und auch viele Dritthersteller haben reagiert. Wer damit werben kann, dass das Spiel auf der Cartridge ist, der tut das inzwischen auch. Letztes Jahr ist etwa das Microsoft-Spiel Indiana Jones und der Grosse Kreis «physisch» auf der PS5 erschienen. Ich habe mir die teure Premium-Edition mit dem DLC gekauft für rund 99 Franken. 99 Franken habe ich für das Spiel bezahlt. Und ich hatte mich gefreut. Auf dem PC waren einige Patches erschienen, welche das Spiel verbessert hatten, und diese würden dann auf der Disk direkt enthalten sein. Dachte ich. Auf der Disc sind tatsächlich nur wenige Kilobytes enthalten. Für die satten 99 Franken hatte ich nur eine Gamekey-Card-CD erhalten. Eine Lizenz, von der sich schon heute abzeichnet, dass sie ab 2028 nutz- und wertlos sein wird. Etwas, das Microsoft auf der Playstation 5 tatsächlich sehr gerne gemacht hat. Und während Nintendo zumindest den Anstand hat, das Ganze transparent auf das Cover zu schreiben, lachen sich Sony und Microsoft da zusammen ins Fäustchen. Auf dem Cover steht nur «Download erforderlich», was vermutlich ja auf jedes Spiel irgendwie zutrifft. Aber die Geschichte endet ja nicht hier. Das Spiel erschien dann auch auf der Switch 2 mit einem physischen Release. Und siehe da: Das Spiel ist keine Gamekey-Card. Wenn Microsoft also denkt, dass sie mehr Geld scheffeln können, wenn sie das Spiel komplett physisch rausbringen, dann tun sie das auch. Und sie haben, seit Sony die erwähnte Ankündigung gemacht hat, auch betont, dass Halo: Campaign Evolved physisch auf Blu-Ray auf der PS5 erscheinen wird. Das hat Microsoft wirklich deutlich herausgestrichen. Dass das aber natürlich auch nicht mehr als ein kurzfristiger PR-Stunt ist, dürfte auch klar sein. Microsoft hat sich in der Vergangenheit nicht mit Ruhm bekleckert, was physische Releases angeht, und laut Gerüchten soll die nächste Xbox auch ohne physische Medien erscheinen. Das hindert sie aber nicht daran, aus der aktuellen Situation Profit zu schlagen.
Auch wenn Microsoft hier nicht aufrichtig ist, zeigt sich trotzdem, dass sich der öffentliche Diskurs verändert. Wenn plötzlich damit geworben wird, dass etwas physisch erscheint, dann entwickelt sich die Wahrnehmung in die richtige Richtung. Alle drei Konsolenhersteller haben in der Vergangenheit massiv unterschätzt, wie wichtig physische Spiele den Leuten nach wie vor sind. Nintendo ist nicht nur mit einem blauen Auge davongekommen, es scheint auch mittelfristig der einzige Anbieter mit physischen Spielekopien überhaupt zu werden. Microsoft verhält sich opportunistisch und Sony hat sich den schwarzen Peter in die eigenen Karten gemischt. Auch wenn sich die physischen Spiele auf der Playstation und der Xbox und irgendwann wohl auch bei Nintendo nicht werden retten lassen, ist es trotzdem wichtig, dass der Druck hoch bleibt. Viele Leute haben etwa ihr Playstation-Plus-Abo gekündigt, um Sony ihr Missfallen spüren zu lassen. Oder die Merkliste im PS-Store gelöscht. Manche löschen sogar die Vorbestellung von GTA6, welches sich dem Shitstorm nicht komplett entziehen kann. Und sie zeigen die Screenshots davon gerne online. Geld ist die einzige Sprache, welche solche Konzerne verstehen, vor allem wenn es um Geld geht, das sie nicht mehr bekommen. Vielleicht schafft der Druck, dass der Cut nicht so hart wird, wie von Sony gewünscht, oder Sony muss in Sachen digitaler Besitz Zugeständnisse machen, um nicht Marktanteile zu verlieren. Es geht bei der ganzen Thematik nur oberflächlich darum, ob man Spiele digital oder physisch besitzen möchte. Das sollte eine Wahl sein – gerade bei älteren Spielen ist es oftmals einfacher und günstiger, die Spiele digital zu kaufen. Es geht im Kern darum, ob Sony genügend Marktmacht hat, um das Machtverhältnis zwischen Käufer und Verkäufer zu verschieben, so dass Konsumenten keine Auswahlmöglichkeit mehr haben, ausser zu den einzigen Konditionen, die der Verkäufer zwecks Gewinnmaximierung anbieten möchte. Sie möchten, dass wir nur noch Lizenzen erwerben, die sie jederzeit einseitig und ohne Rückerstattung ausser Kraft setzen können. Sie möchten, dass wir nur noch eine Möglichkeit haben. Und diese beinhaltet keinen Besitz. Die Schlacht um die nächste Konsolengeneration mag bereits verloren sein, aber der Krieg um die Zukunft ist es nicht. Es könnte auch sein, dass sich Sonys Monopol-Traum schneller als erwartet in einen Albtraum verwandelt. Bisher haben die EU- oder US-Gerichte noch jeden Konzern gezwungen ihre Ökosysteme zu öffnen, auch wenn diese argumentierten, sie können auf dem eigenen Gerät nur den eigenen Shop zu den eigenen Konditionen anbieten. Stellt euch mal vor, wie viel interessanter eine PS6 plötzlich wäre, wenn Sony neben dem eigenen Shop auch Shops von anderen Anbietern zulassen müsste.