Freies Feld

Battle Angel Alita

Von JÁNOS MOSER.

Seit einiger Zeit geistern Gerüchte durch das Internet: James Cameron, bekannt für Blockbuster wie Titanic oder Avatar, soll die Verfilmung eines Mangas mit dem vielversprechenden Titel Battle Angel Alita planen. Bisher sind jedoch noch keine konkrete Details über das Projekt bekannt geworden und es sieht so aus, als würde der Film auf die lange Bank geschoben. Gerüchte hin oder her, das Manga-Original von 1991 ist eine Serie von neun Bänden, die unter Fans Kultstatus geniesst. Warum? Am besten mal reinlesen.

Dystopie

Battle Angel Alita spielt in einer dystopischen Sci-Fi-Welt. Im sogenannten „Scrapyard“ leben Mörder, Diebe und Kopfgeldjäger, die mit zwielichtigen Geschäften über die Runden zu kommen versuchen. Die meisten von ihnen sind Cyborgs; Körperteile, ob fleischlich oder nicht, sind ein begehrtes Gut, denn sie bringen bares Geld ein. Über dem Scrapyard schwebt Tiphares, die Himmelsstadt, die ein wenig an Elysium erinnert: der unerreichbare Traum für alle, die als Ausgestossene in Müll und Dreck hausen. Ido, ein Doktor, der eine Kybernetik-Werkstatt leitet, findet eines Tages den Kopf eines weiblichen Cyborgs auf der Abfallhalde. Er gibt ihr einen Körper zurück und benennt sie nach seiner verstorbenen Katze: Alita. Fortan leben die beiden als Vater und Tochter zusammen. Als sich der weibliche Cyborg auf die Suche nach ihren ausgelöschten Erinnerungen gibt, spannt sich ein episches Narrativ auf. Alita gewinnt Freunde und macht sich Feinde, besteht Gefahren, wächst mit jedem Kampf. Gekämpft wird, wie für einen Shonen-Manga üblich, in Battle Angel Alita nämlich viel. Und das nicht gerade zimperlich: Glieder und Köpfe fliegen durch die Luft, Blut gibt es neben verschrotteten Roboterteilen genug. Die Heldin selbst wechselt ihren Körper – und damit ihre Profession – während des Abenteuers laufend: Mal verdingt sie sich als Kopfgeldjägerin, mal rast sie im Zukunftssport „Motorball“ der Ziellinie entgegen oder erledigt als Agentin für Tiphares geheime Aufträge. Diese Abwechslung ist es, die den Manga ausmacht – dabei wirkt keine der Inkarnationen (oder besser: Maschinenverkörperungen?) Alitas unpassend oder aufgesetzt. Je näher sie ihrem Ziel kommt (die Antwort auf die Frage: Wer bin ich?), desto sicherer trifft sie ihre Entscheidungen – und desto mehr steht auf dem Spiel.

Eine Heldin mit Schwächen

Auf den ersten Blick haben wir es also mit einer typischen Heldengeschichte zu tun, die mit der Emanzipation aus dem Elternhaus beginnt und mit dem Sieg über die Weltbedrohung endet. Was Alita so besonders macht, sind jedoch ihre Schwächen. Ihr Egoismus bringt zuweilen eben die in Gefahr, die sie schützen will, und ihre blinde Kampflust findet nicht immer den richtigen Gegner. Zunehmend muss sie feststellen, dass sich die Welt nicht in Gut und Böse unterteilen lässt, findet sich manchmal gar selbst auf der falschen Seite wieder. Das hat sie den vielschichtigen Nebenfiguren zu verdanken, wobei doch das eine oder andere Klischee bedient wird (z.B. Der verrückte Wissenschaftler). Die Beziehung zwischen Alita und Ido, ihrem „Vater“, ist immer wieder durch Spannungen geprägt. Dabei macht der Manga zum Glück nicht den Fehler, die längst ausgelutschte Formel „Auflehnung gegen den Schöpfer“ auszuwalzen, sondern setzt auf Zwischentöne. Alita will auch nicht „menschlich“ wie so viele Roboter sein, sondern ihren eigenen Weg finden. Was die Liebschaften angeht, so gibt es derer mindestens zwei, wobei die erste die Geschichte vielleicht etwas ausbremst, die zweite ein wenig zu schnell abgehandelt wird. Da sie aber nicht so eine wichtige Rolle spielen, ist das verzeihlich.

Schwerer Anfang

Wenn es etwas gibt, woran die Geschichte schwächelt, dann ist es der Anfang. Zu offensichtlich werden Alita Gegner vor die Nase gestellt, die bestenfalls dem 08/15-„Bad Guy“-Schema entsprechen und nur als Kanonenfutter dienen. Obwohl gut gezeichnet, blättert man durch die ersten paar langgezogenen Kämpfe am liebsten einfach durch. Richtig interessant wird das Geschehen erst ungefähr ab Band vier, wenn die richtigen Drahtzieher ins Rampenlicht rücken und man mehr von Alitas Vergangenheit erfährt. Es folgt eine gelungene Mischung aus Western-Epos und Neuromancer. Bei der Spannung, die sich bis am Schluss durchzieht, überliest man auch so manche typischen Manga-Unsinnigkeiten, die es in die Geschichte geschafft haben. So zum Beispiel das Technik-Kauderwelsch, mit dem Waffen und Angriffe erklärt werden, oder die Tatsache, dass die Kämpfenden in den Verschnaufpausen absurdes Geplapper von sich geben. Der Mangaka Yukito Kishiro macht sich mit seiner Vorliebe für deutsche Ausdrücke auch ziemlich lächerlich. Oder schon mal etwas von den geheimen Kampftechniken „Panzer Kunst“, „Maschine Klatsch“ und „Einzug Rüstungen“ gehört? Überhaupt wirkt die Tatsache, dass sich Alita ihre Erinnerungen durch stures Kämpfen zurückholen will, irgendwie unglaubwürdig. Aber eben: Solange dabei die Fetzen fliegen und der nächste Twist um die Ecke liegt, ist alles halb so schlimm.

Emotionen

Zu guter Letzt bleibt auch etwas zum Zeichenstil zu sagen. Geht es um Maschinenteile und Technik, droht ja immer die Gefahr der Eintönigkeit. Battle Angel Alita ist aber, obwohl grau in grau, alles andere als langweilig anzuschauen. In jedem Panel stecken Unmengen an Details, nach wenigen Seiten fühlt man den Schmutz, die Verzweiflung und den täglichen Kampf der „surface dwellers“ lebendig werden. Besonderes Augenmerk liegt zweifellos auf der Protagonistin. Manche Panels sprühen nur so vor Emotionen, mit einer einzigen Detailaufnahme versteht es Kishiro, Alitas Gefühlsgemisch aus Wut und Verzweiflung darzustellen. Auch die Cyborgs, gegen die sie kämpft, sind keine einfachen Blechbüchsen, sondern haben ein individuelles, fantasievolles Design, das nicht so schnell vergessen geht. Wie bereits erwähnt, fliesst auch ordentlich Blut. Der hohe Gore-Faktor wird alle befriedigen, die es etwas härter mögen. Die Gewalt wirkt immerhin, anders als bei vielen ähnlichen Machwerken, nicht deplatziert: Die Welt, in die der Leser geworfen wird, ist eine, in der sich jeder seinen eigenen Vorteil zu erkämpfen versucht, egal mit welchen Mitteln. So werden sympathische Schwächlinge zu Verrätern, rücksichtslose Plünderer zu Helden, Kinder zu erwachsenen Menschen, die ihre eigenen Entscheidungen treffen. Und wie üblich für SF-Geschichten, wartet am Ende die Entdeckung von Geheimnissen, welche die Welt nochmals in ein anderes Licht rücken. Der Schluss wirkt indes etwas überhastet, nicht alle Fragen werden geklärt. Um diesen Fehler auszumerzen, zeichnete Kishiro zehn Jahre später die 19 Bände des Sequels Last Order.

Fazit

Ob James Cameron die Verfilmung von Battle Angel Alita glücken würde oder geglückt wäre? Wie gut es funktioniert, einen Actionfilm aus einem Manga zu machen, hat uns der berüchtigte Dragon Ball-Streifen gezeigt. Doch diesmal wäre ein solch ein Projekt bestimmt in fähigeren Händen, auch wenn gemunkelt wird, dass Robert Rodriguez mittlerweile die Arbeit des Regisseurs übernommen haben soll (mit Cameron als Producer). Stoff für einen guten Film böte Battle Angel Alita auf jeden Fall, wenn sich auch sicherlich nicht alle neun Bände in zwei Stunden quetschen lassen. Seit Beatrix (Uma Thurman) in Kill Bill hat es ja irgendwie keinen Engel mehr gegeben, der einen ganzen Film tragen könnte. Alita würde diese Lücke füllen.

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Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 9. Mai 2016 um 11:38 veröffentlicht. Er ist unter Reviews abgelegt und mit , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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