Freies Feld

Monster World 4

Von JÁNOS MOSER.

Wie viele langatmige Spielserien entstammt die Wonder Boy-Reihe aus alten Arcade-Tagen. 1986 legte Westone Bit Entertainment den Grundstein mit dem gleichnamigen Spiel, in dem es darum ging, als Höhlenmensch „Tom-Tom“ seine Freundin Tanya zu befreien. Gerannt und gehüpft wurde von links nach rechts, als Waffe diente eine simple Steinaxt, als Power-Up unter anderem ein Skateboard. Zum Spiel gesellten sich alsbald insgesamt fünf Nachfolger auf Arcade-Automaten, dem Sega Master System, Game Gear oder Mega Drive hinzu. Eine durch Lizenzvereinbarungen verwandte Serie, Adventure Island, wurde von Hudson entwickelt und erhielt u.a. Ableger auf dem Ur-Game Boy. Der ursprünglichen Spielereihe wurde ausserhalb Japans nie ein besonders grosser Bekanntheitsgrad zuteil. Und was hat das Ganze jetzt mit Monster World 4 zu tun? Nun, scheinbar haben Westone ein Faible für Verkomplizierungen, und so erschienen gewisse Spiele der Reihe auch unter dem Namen Monster Land oder Monster World. Grund dafür war, wie es scheint, jeweils eine Erweiterung oder Änderung des Gameplays, sodass man Monster World wiederum als eigenständige Serie bezeichnen könnte, die aber immer noch unter dem Titel Wonder Boy vertrieben wurde. Ergebnis dieser Eskapaden waren Titel wie Wonder Boy V: Monster World III oder das in der USA und Europa erschienene Wonder Boy in Monster World. Der sechste und bislang letzte Teil der Reihe hiess wiederum bloss Monster World 4, kurz MW4. Lange Zeit war der Titel Japanischunkundigen nur per Emulator-Patch zugänglich, seit 2012 kommen endlich auch PS3-, Wii- oder Xbox 360-Besitzer in den Genuss einer englischsprachigen Version. Ob sich das Warten gelohnt hat oder ob man sein PSN Store-Guthaben für etwas Besseres aufsparen sollte?

1001 Nacht

Aber halt, was ist das? Nach all den Wonder Boys hat ein Wonder Girl den Platz des Helden eingenommen. Die taffe Kriegerin namens Asha sieht mit ihrer grünen Haartracht nicht nur putzig aus, sie trägt auch Aladdins Hosen. Statt eines generischen Fantasysettings oder Prähistorik hat man sich bei MW4 für arabische Gefilde entschieden. Für das Gros der Spieler – darunter ich –, welche die (eher dürftigen) Vorgänger nicht besonders gut kennen, macht dies keinen Unterschied, der eine oder andere Dinosaurier mag dem Skateboard nachweinen. Ersatz verspricht das Kuschelvieh auf dem Cover. Ob das was wird? Zu Beginn des Spiels begrüsst uns eine kurze Animesequenz. Asha startet ihr Abenteuer auf einer Klippe, im Hintergrund ist feinste 16-Bit-Wolkenpracht zu sehen. Wir durchstreifen unser Heimat-Wüstendorf und stossen kurz darauf auf einen Turm, den es zu bezwingen gilt, will man den Rang eines Kriegers erreichen. Klingt nach einem erstrebenswerten Ziel, also los geht’s. Nach kurzem Geplänkel steht Asha auch schon vor dem Endgegner, ein hässliches Schlangenmonster, das nach einigen Schlägen klein bei gibt. Grossartig, haben wir dadurch gleich einen Wunderlampen-Djinn befreit, der uns untertänig in die Hauptstadt fliegt. Die Flugsequenz mit ihrem flimmernden Hintergrund ist erinnert an sowas wie Asha in Drug World XII. Jedenfalls ist die Stadt ein toller Ort, um sich von der Königin im Palast zum Ritter schlagen zu lassen, mit den Leuten zu plaudern und Waffen und Rüstungen zu kaufen. Ausserdem bekommen wir die Aufgabe, vier Elementargeister zu befreien. Wer die Zelda-Anleihen bislang durch autogenes Training erfolgreich verdrängt hat, sieht sich spätestens vor eine unlösbare Aufgabe gestellt. Da es aber unfair wäre, MW4 einfach in die Zelda-Ecke zu stellen, sollte man das Action-Adventure nicht zu schnell verurteilen. Das ganze Geschehen spielt sich in der Seitenansicht ab, hat also auch etwas von einem Plattformer. Im Verlauf des Spiels erwirbt Asha nicht nur verbesserte Waffen und Rüstungen, sie sammelt auch sogenannte „Crystal Drops“. Zehn davon ergeben ein blaues Herz, welches Teil der Reserve-Lebensleiste wird. Die Menge der roten Herzen hingegen ist von der getragenen Rüstungen abhängig. Erst, wenn beide Leisten aufgebraucht sind, segnet Asha das Zeitliche. Da der Schwierigkeitsgrad des Spiels nicht ohne ist, passiert das öfters als gewünscht. Während die Speicherpunkte anfangs in moderaten Abständen zu finden sind, werden es nach und nach regelrechte Höllendurststrecken. Wie gut, dass PSN-Spieler bei Bedarf zu einem Kniff greifen und jederzeit abspeichern dürfen. Nicht auszudenken, wie unfair und frustrierend das Spiel seinerzeit gewesen sein muss. Die Bewegungsfreiheit hat seit den letzten Monster World-Spielen erheblich zugenommen, und so bietet die Steuerung keine Probleme. Im Sprung ist es möglich, das Schwert nach unten oder oben zu schwingen. Dank des besagten Knuddelviechs, das euch überallhin folgt, nachdem es aus seinem Ei geschlüpft ist, liegt sogar ein Doppel- und Schwebesprung drin. Alles, was man dazu zu tun braucht, ist, es herzupfeifen und über dem Kopf zu tragen. Auch sonst ist der Begleiter namens Pepelogoo eine unschätzbare Hilfe. Er drückt entfernte Knöpfe, wehrt Feuer ab und wird zum Pfannendeckel für Mini-Vulkane, wenn man ihn darauf wirft. Das grosse Spielspasspotenzial wird leider ein wenig durch die Dungeons gedämpft. Sie sind nicht besonders spannend gestaltet, die meiste Zeit über läuft man von links nach rechts oder umgekehrt. Gleiches gilt für die Musik: das immerzu variierte Hauptthema geht einem nach kurzer Zeit auf den Geist. Die Stücke im Palast und im Tempel sind immerhin recht cool.

Fazit

Soll man oder soll man nicht? Monster World 4 verströmt seinen eigenen Charme. Das Setting macht auch ohne Skateboard Laune, Aladdin wäre stolz. Die zwei grössten Pluspunkte, nämlich Asha und ihr Pepelogoo, sind eine Klasse für sich. Weibliche Helden sind zu 16-Bit-Tagen rar gesät, besonders mit Begleitknuddeltier. Schon allein dafür gibt es Applaus. Und für die grünen Haare. Grüne Haare sind toll, es braucht mehr davon. Die Dungeons und die Musik hat man in einem 1994er-Spiel zugegeben bereits besser hingebracht. Aber 16-Bit-Verrückte, die alle Spiele dieser Art verschlingen, werden auch an MW4 ihre Freude haben.

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Dieser Beitrag wurde von Yoshi geschrieben und am 29. Juli 2013 um 02:23 veröffentlicht. Er ist unter Reviews abgelegt und mit , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

Ein Gedanke zu „Monster World 4

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